Apokryphen

antikes Fragment eines apokryphen Textes

„Das steht so aber im Petrusevangelium.“ „Das weiss ich aus dem Johannesevangelium.“ So argumentieren ab und zu Menschen, wenn sie etwas über Jesus Christus, über Maria oder über das Leben der Apostel erzählen, das nicht in der Bibel steht.

Apokryphen des AT

Das Wort „apokryph“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „verborgen, geheim“. Als Apokryphen bezeichnen die Juden in Verbindung mit dem AT jene Glaubensschriften, die vor allem in den letzten 300 Jahren v.Chr. in aramäischer oder griechischer Sprache verfasst wurden. Nach dem babylonischen Exil (586-538 v.Chr.) entstand nämlich ein Reichtum an religiös-theologischen Texten. Viele ihrer Verfasser gaben ihren Namen nicht preis oder schrieben unter einem Pseudonym (sog. Pseudoepigraphen). Diese Texte sind im hebräischen AT nicht enthalten, wurden jedoch in die griechische Übersetzung des AT (sog. Septuaginta) aufgenommen.

In Abgrenzung zu den Schriften, die in der hebräischen Bibel stehen und unbestritten kanonische Geltung geniessen, werden diese Spätschriften in der katholischen Kirche deuterokanonisch genannt, in den evangelischen Kirchen aber apokryph. Die katholische Kirche nimmt die deuterokanonischen Bücher in ihre Bibelausgaben auf und verwendet sie im Gottesdienst.

Terminologie

katholische Begriffe evangelische Begriffe
Spätschriften, die zum AT gehören deuterokanonische Schriften Apokryphen
ausserbiblische Schriften Apokryphen Pseudoepigraphen

Keine Aufnahme in der Septuaginta und damit im Kanon der alttestamentlichen Schriften fanden jene Texte, denen es vor allem um die Verherrlichung des jüdischen Volkes und seiner Geschichte ging, oder die die jüdische Religion als allen andern überlegen darstellten. Diese ausserbiblischen Schriften werden in der katholischen Kirche als apokryph bezeichnet, in den evangelischen Kirchen als pseudoepigraphisch. Die unterschiedliche Begrifflichkeit kann zu Verwechslungen führen.

Apokryphen des NT

Auch beim NT fand eine Auswahl der zur Verfügung stehenden Texte statt. Es gab in den ersten gut 300 Jahren viele Schriftsteller, die versuchten mit ihrer Literatur vermeintliche "Lücken" in der Bibel zu schliessen und Menschen zu erbauen. Viele Christen und am christlichen Glaubensweg Interessierte wollten nämlich mehr und Genaueres über Kindheit, Sterben und Tod Jesus wissen, als in den Evangelien stand, mehr über Maria, das Leben der Apostel und wie die künftige Welt nach dem Tod genau sein werde. Die apokryphen Texte zum NT bedienten dieses Bedürfnis. In ihnen spiegelt sich die religiöse und theologische Vielfalt von Anschauungen in der frühen Kirche. Die Texte wollten Widersprüche in der Bibel beseitigen, stark gnostisches Gedankengut tradieren oder bereits kanonisierte Evangelien zu ersetzen suchen.

Die Bibel ist eine Schrift der Verkündigung von Gottes Spuren, wie Menschen sie gemeinsam im Leben finden können. Je mehr Menschen – auch Christen – das NT nicht mehr als Verkündigung aus dem Glauben verstehen, sondern zunehmend Biographien in den Evangelien, in der Apostelgeschichte und in den Hirtenbriefen suchen, umso mehr gewinnen die Apokryphen wieder an Bedeutung. Sie hatten aufkommende Fragen scheinbar schon beantwortet. So wurden sie für die Gestaltung der Frömmigkeit der Christen immer wieder bedeutsam bis hin zur Frage in einem Krippenfigurenkurs: „Hat Maria einen roten oder blauen Mantel getragen?“.

Rita Bausch

Beispiele für Schriften (unvollständig)

  deuterokanonische Schriften Apokryphen
AT
  • Buch Judit
  • Buch der Weisheit
  • Buch Tobit
  • Jesus Sirach
  • Buch Baruch und Brief des Jeremia
  • 1. Buch der Makkabäer
  • 2. Buch der Makkabäer
  • 3. Buch Esra
  • 4. Buch Esra
  • 3. Buch der Makkabäer
  • 4. Buch der Makkabäer
  • Gebet des Manasse
  • Psalm 151
  • Psalmen Salomos
  • Buch der Jubiläen
  • Buch des Benoni
NT  
  • Apokryphon des Johannes
  • Bartholomäusevangelium
  • Judasevangelium
  • Kindheitsevangelium nach Thomas
  • Protevangelium des Jakobus
  • Thomasakten
  • Thomasevangelium