Die meisten Religionen kennen heilige Schriften mit einem klar umschriebenen Inhalt. Alle dazugehörenden Texte sind kanonisiert, d.h. sie haben für die Glaubensgemeinschaft massgebende Bedeutung und sind verbindlich. Das Wort „Kanon“ meint „Richtschnur, Massstab“.
Zur katholischen Bibel gehören zwei grosse Schriftensammlungen: Das Erste oder Alte Testament (AT) und das Neue Testament (NT). Von den insgesamt 73 Büchern gehören 46 Schriften zum AT und 27 Schriften zum NT. Die Bibel ist nicht vom ersten bis zum letzten Buch chronologisch entstanden. Das macht das Lesen manchmal schwierig. Denn nicht nur die Bibel als Ganzes hat eine lange Entstehungsgeschichte (ca. 1000 v.Chr. – 100 n.Chr.), sondern auch die einzelnen Bücher haben unterschiedlich lange Entstehungszeiten.
Das AT ist die Bibel des jüdischen Volkes. Der Anfang des Glaubens an JAHWE, den einen lebendigen Gott, liegt vor 1250 v.Chr. Das bezeugen die sog. Patriarchengeschichten. (Gen 11-50) Mit dem Auszug der Hebräer aus Ägypten um 1250 v.Chr. begann ihre Volks- und Glaubensgeschichte. Diese wurden durch mündliche Überlieferung weitergegeben. Zur Zeit der Könige David und Salomon um ca. 1000 v.Chr. begann das schriftliche Erzählen und Verkünden der Geschichte des Unheils und des Heils der Israeliten mit Gott. Um ca. 400 v.Chr. erhielten die 5 Bücher Mose für die Juden kanonische Geltung. Sie nennen diesen Teil ihrer Bibel „Tora“ (Gesetz). Bald erhielten auch die Sammlung der Psalmen und die prophetischen Bücher ihre definitive Gestalt und wurden dem Kanon beigezählt. Noch später entstanden wenige aramäische Schriften. Als Griechisch Amtssprache in Juda wurde, kam vor allem noch Weisheitsliteratur in dieser Sprache dazu.
Um 250 v.Chr. begann die Übersetzung des ganzen Kanons (46 Bücher) in die griechische Sprache. In Erinnerung, dass 70 Bibelübersetzer daran gearbeitet hatten, heisst sie „Septuaginta“. Seit einer späteren jüdischen Reform des Kanons gehören nur noch jene Schriften zur jüdischen Bibel, die ursprünglich in Hebräisch geschrieben wurden. (39 Schriften) Um 100 n.Chr. war die jüdische Kanonbildung abgeschlossen.
Für die katholische Kirche sind im AT-Kanon alle 46 Bücher bedeutsam, die in der Septuaginta als Bibel anerkannt waren.
Bald nach Jesu Tod und Auferstehung entstanden in den Christengemeinden Textsammlungen über Reden und Taten Jesus. Zu den ältesten vorbiblischen Texten zählen sicher die Verkündigungstexte zum Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi. Es wurden Gleichnissammlungen, Begegnungsgeschichten, Gebete, Wundererzählungen, Lehrtexte, Streitgespräche usw. aufgeschrieben. Alle diese Schriften wurden gesammelt und weitergegeben. Sie dienten den Gemeinden in der Verkündigung zur Stärkung des Glaubens und Verbreitung der frohen Botschaft von Jesus Christus.
Zudem schrieben Paulus und andere Gemeindeleiter „Hirtenbriefe“ (14 Paulus-Briefe, 7 seelsorgerliche Briefe). Sie beantworten den Christengemeinden oft konkrete Fragen zum Leben aus dem Glauben. Der älteste Text des NT ist der erste Brief, den Paulus im Jahr 52 n.Chr. den Mitchristen in Thessalonich geschrieben hat. Die vier Evangelien, die Apostelgeschichte und die Offenbarung des Johannes entstanden zwischen 70 – 100 n.Chr.
Natürlich gab es viel mehr Texte in der Nachfolge Jesu Christi, als heute im christlichen NT kanonisiert sind. Nebst doppelt Überliefertem entstand auch eine Glaubensliteratur, die Jesus Christus stark romantisierte und die von ihm alle menschlichen Züge entfernen wollte, um sein Gott-sein klarer herauszustellen.
In gründlicher theologischer und spiritueller Bibelarbeit wurde der Kanon des NT auf vier Evangelien, Apostelgeschichte, 21 Briefe und die Offenbarung des Johannes festgelegt und im 4. Jh. abgeschlossen.