Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit: ‚Blaue Augen, weisse Haut und richtig deutsch‘ sollten die Kinder von Geburt an sein. Die andern sollten vernichtet werden. Niemand erinnert sich gerne an diesen National-Menschen-Traum. Und heute: Welchen Traum von Menschen und von unserer Welt nährt das Genzeitalter?
Biologische, medizinische und medizintechnische Forschungsarbeit hat während der vergangenen Jahre dazu beigetragen, die Lebenserwartung (fast) aller Menschen zu verlängern. Langes Leben allein ist jedoch kein Gewinn. Es soll von Anfang an mit Lebensqualität verbunden sein. Dazu kann die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes beitragen.
Genforschung
Genforschung sucht zu erkennen, welchen Informationen es der Mensch verdankt, dass er denken, sprechen, malen, springen, musizieren, … kann. Sie sucht auch die verantwortlichen Fehlinformationen, dass ein Kind dies oder jenes nicht können wird, oder einmal dran erkranken könnte. Gentests können Erbkrankheiten aufdecken.
Seit längerer Zeit können Tests in pränataler Diagnostik (PD) durchgeführt werden. Sollte beim werdenden Kind eine krankhafte, behindernde Veränderung festgestellt werden, kann der Mutter (den Eltern) damit zum möglichst frühen Zeitpunkt Hilfe angeboten werden, sich auf eine mögliche Erkrankung, Behinderung ihres Kindes einzustellen. Nicht selten besteht diese Hilfe im Rat, das Kind abzutreiben, um es und Eltern vor künftigem Leid zu schützen.
Ein weiterer Weg der genetischen Diagnostik wurde mit der Präimplantationsdia-gnostik (PID) möglich. Die Untersuchung wird da bereits am in vitro gezeugten Embryo durchgeführt. Für Behinderung verdächtige Embryonen werden vernichtet. Frauen werden nur die als gesund diagnostizierten Embryonen im Uterus eingenistet.
Eine dritte Herausforderung stellt sich heute und künftig in der biomedizinisch möglichen Gewinnung von embryonalen Stammzellen. Sie soll vor allem der Heilung Erkrankter dienen, indem ihnen Stammzellen gesunder Embryonen eingepflanzt werden. Die Embryonen werden nach der Entnahme von Stammzellen vernichtet.
Ethische Verantwortung
Katholisch christliche Ethik hat sich angesichts dieser Möglichkeiten zu fragen: Wann beginnt das Leben des Kindes? Niemand kann darauf eine ganz genaue punktuelle Antwort geben. Eines ist klar: Was in der Mutter oder in vitro heranwächst, wächst von Anfang an zum Menschsein. Und jeder Mensch ist ein von Gott besonders angenommenes Geschöpf, das er von Anfang an liebt. Krankheit und Missbildung sind kein Kriterium für lebenswertes oder lebensunwertes Menschsein. So verlangt katholisch christliche Ehtik:
- Eltern dürfen nie zur PD, zur in vitro Fertilisation mit PID gezwungen werden. Es gibt ein Recht auf Nichtwissen und ein Ja zum Kind so, wie es sein wird.
- Hilfe für werdende Eltern eines Kindes mit oder ohne Krankheit/Behinderung darf nie nur im Angebot der Abtreibung bestehen.
- Eltern mit kranken oder behinderten Kindern und Kranke und Behinderte dürfen nie aus Versicherungsleistungen ausgeschlossen werden. (‚Sie hätten dieses Kind ja verhindern können‘ – ‚Sie hätten ja verhindert werden können‘.) Die wirkliche Kraft einer solidarischen Gesellschaft zeigt sich in der Sorge für die, die sie am nötigsten haben.
Im ethischen Entscheidungsprozess stellt sich jedem die Frage: Geht es wirklich darum, Behinderung und Krankheit zu verhüten, oder Behinderte und Kranke zu vermeiden? Wie wichtig ist uns der Schutz aller Menschen, besonders auch der Wehrlosen und der auf Unterstützung und Hilfe Angewiesenen?
Andrea Arz de Falco, Ehtikerin, (*1961) schreibt: ‚Ich erachte die momentane Praxis, die dazu tendiert, auch kleinste Abweichungen und rein ästhetische Mängel zu beseitigen, indem die entsprechenden Kinder abgetrieben werden, als zutiefst unsittlich. Der Traum vom perfekten Kind sollte schleunigst zugunsten des Traumes von der Welt, die allen Menschen in ihrer unendlichen Vielfalt Platz bietet, aufgegeben werden‘.
Dass Gott uns als seine Töchter und Söhne liebt und unser Leben an sich lebenswert ist, kann vielleicht auch befreien vom Zwang, dass nur selbst gezeugte und selbst geborene Kinder uns erfüllen können. Viele bedürfen liebevoller Begleitung.