Von keinem Geringeren als dem Kirchenlehrer Augustinus (354-430) stammt die Weisung: ‚Liebe und tue, was du willst‘! Er formuliert so kurz, was für Christen heisst, in Freiheit und Verantwortung zu leben.
Durch die ganze Bibel hindurch zieht sich wie ein ‚Roter Faden‘ die Mitteilung Gottes, dass die Menschen zum Frei-sein bestimmt sind. Gott offenbart sich dem Volk Israel: ‚Ich bin JAHWE, der dich aus dem Sklavenhaus befreit hat‘ (Ex 20,2). Paulus schreibt seinen Mitchristen in Galatien: ‚Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Bleibt daher fest und lasst euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen‘! (Gal 5,1) und ‚Ihr seid zur Freiheit berufen. Nur nehmt die Freiheit nicht zum Vorwand für das Fleisch, sondern dient einander in Liebe‘! (Gal 5,13)
Herbert Haag (1915 – 2001) schreibt: ‚Es ist die Freiheit, die den Menschen zum Bild Gottes macht. Unter allen Geschöpfen kann er allein frei wählen und frei entscheiden, wie Gott frei wählt und frei entscheidet‘.
Frei sein Leben gestalten zu können, ist eines der grössten Ideale, eines der grössten Bedürfnisse unserer Zeit. Wohl alle Menschen und Völker überall auf der Erde tragen die Sehnsucht nach Freiheit in sich.
Frei-sein gehört zum Wesen unseres Glaubens. Es meint jedoch nicht Willkür und die Erlaubnis, zu tun und zu lassen, was mir jetzt und immer wieder gerade beliebt. Der Christ ist nicht einfach ein ‚freier, unverbindlicher und gedankenloser Chaot‘. Auch dem freien Christen sind Werte, sittliche Grundhaltungen und Lebensziele wichtig und verbindlich. Wer frei ist, kann im Laufe seines Lebens auch überzeugt Werte, Grundhaltungen und Ziele wechseln und in den Mittelpunkt seines Lebens stellen.
‚Die Wahrheit wird euch befreien‘ (Joh 8,32), Wenn der Mensch seine Fähigkeiten, seine Grenzen und Möglichkeiten, seine Gegebenheiten, Chancen und Schwierigkeiten erkennt, annimmt und entsprechend handelt und lebt, gewinnt er innere Freiheit. Sie ermächtigt ihn, selbstbestimmt zu leben. Er wird unabhängig von Fremdbestimmung. Er gibt seinem Tun in freier Entscheidung Inhalt. Er lebt und handelt nicht einfach, weil es ihm befohlen ist oder er sich daran gewöhnt hat, sondern weil er so leben und handeln will. Vielleicht auch, weil er dies oder das aushalten und durchleiden will. Es kann sein, dass jemand sich ganz frei fühlt selbst in totaler äusserer Unfreiheit.
Christliche Freiheit ist nicht vor allem ein äusserer Zustand, obwohl Christen sich auch dafür einsetzen sollen. Sie ist eine innere Haltung. Wir sollen uns nicht beherrschen lassen, vor allem nicht von Unterdrückendem, Gewalttätigem und Systemen, von Erwartungen anderer, die die menschliche Würde verletzen und zerstören.
In Röm 8,21 steht: ‚Alles Geschaffene soll aus der Knechtschaft des Verderbens befreit werden zur Herrlichkeit der Kinder Gottes‘. Letztlich ist es Liebe, die befreit. Christen glauben, dass Gott die Quelle dieser Liebe ist, und dass seine Weisungen uns den Weg verantwortlicher, befreiender Liebe zeigen.
Liebe kann auch mit Verantwortung übersetzt werden. Was ein Christ in Freiheit für sich, für seine Mitmenschen, für alles Geschaffene entscheidet und tut, bedarf immer wieder der verantwortlichen Reflexion: Wie werde ich meiner Würde, der Würde anderer und der Würde der ganzen Schöpfung mit meinem Tun gerecht? Wie antworte ich aus freier Entscheidung der Sehnsucht nach gelingendem Leben und Zusammenleben? Leben in Freiheit respektiert das Recht auf Leben in Freiheit auch der andern.
‚Wo der Geist Jesu wirkt, da ist Freiheit‘ (2 Kor 3,17) oder wie Augustinus sagt: ‚Liebe, und tue was du willst‘!