‚Trittst im Morgenrot daher, seh‘ ich Dich im Strahlenmeer, Dich, du menschenfreundlicher, Liebender … betet, freie Schweizer, betet. Eure fromme Seele ahnt Gott im hehren Vaterland‘! So singen am 1. August jährlich Hunderttausende von Schweizer/innen. In andern Staaten singen andere Staatsbürger/innen an ihrem Nationalfeiertag ihre Landeshymne. In nicht wenigen dieser Lieder kommt zum Ausdruck, dass das Land mit Gott in Beziehung steht. Ihm wird gedankt, er wird gelobt, zu ihm bringen die Menschen für ihre Heimat ihre Bitten – damit ihr Staat ein gerechter Staat sei.

 Biblischer Begriff

 Der Begriff ‚Gerechtigkeit‘ hat in der Bibel eine zentrale Bedeutung: Gott,

  • der sein Volk (alle Menschen) gerecht und treu zum ewigen Ziel der glücklichen Vollendung führen will
  • der dem Guten Belohnung zusagt und das Böse nicht ungestraft lässt
  • dessen Gerechtigkeit die irdischen Massstäbe übersteigt und in Erbarmen mündet.

So glauben Christen an die Gerechtigkeit Gottes. Sie weist die Richtung, auch als Staat das Zusammenleben in Gerechtigkeit zu gestalten. So können AT- Propheten rufen: ‚Sorgt für Recht und Gerechtigkeit‘ (Ez 45,9) ‚Wehe denen, die die Gerechtigkeit zu Boden schlagen. … das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach‘! (Am 5,7.24).

Auch Jesus betonte in Rede und Tun die fürsorgende Liebe Gottes für die Armen und Schutzlosen, die der Unterdrückung ausgesetzt sind. Biblische Gerechtigkeit ist die Pflicht der Starken und Mächtigen, die Schwachen in ihre Obhut zu nehmen und sie zum selbstbestimmten Leben zu ermächtigen, soweit diese fähig sind

Der Staat und seine Mitglieder

Gerechtigkeit als ethische Grundhaltung soll die staatliche Gesetzgebung, ihre vielfältige Politik und Rechtsprechung bestimmen. Thomas von Aquin (1225 - 1274) sagte: ’Gerechtigkeit ist der Habitus, kraft dessen jemand mit festem und beständigem Willen einem jeden sein Recht gibt‘. Gerechtigkeit muss durchsetzbar sein. Sie schliesst Ungerechtigkeit aus und verlangt bei Verletzung nach Wiedergutmachung (so weit wie möglich) oder nach Vergütung.

Der gerechte Staat nach christlichem Verständnis gibt und lässt seinen Mitgliedern, was ihnen rechtens zusteht. Und die Mitglieder verpflichten sich, sich für das Wohl der Heimat zu engagieren. Dem sozial gerechten Staat ist auch das wirtschaftliche Wohlergehen der Bürger/innen und der Bewohner/innen  wichtig. Soziale Gerechtigkeit fordert den angemessenen  Anteil aller am Gewinn wirtschaftlicher Errungenschaft. Für uns Christen ist klar: Solide soziale Ordnung und dauerhafter Friede sind in einem Staat und zwischen den Staaten nur unter Berücksichtigung dessen möglich, was solche Gerechtigkeit fordert.

Seit Papst Pius XI (Papst 1922 - 1939) die Sozialenzyklika (belehrendes und ermahnendes Rundschreiben) ‚Quadragesimo Anno‘ 1931 veröffentlicht hat, ist das Thema der sozialen, solidarischen und subsidiären Gerechtigkeit in der Soziallehre der katholischen Kirche ein wichtiges Thema geworden. Das gerechte Zusammenleben in Gesellschaft und Staat war ein grosses Thema im zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) und der anschliessenden Synode 72 (1972 – 1975) in der Schweiz.

Für Christen sind verschiedene Staats- und Regierungsformen annehmbar, ausser dem totalitären Staat, der keine Grenzen für seine Willensmacht anerkennt.  Papst Johannes Paul II (Papst 1978 - 2005) schreibt in der Enzyklika ‚Centesimus Annus‘ (1991): ‚Wertschätzung gehört vor allem dem System der Demokratie, insoweit es die Beteiligung der Bürger/innen an den politischen Entscheidungen sicherstellt und den Regierten die Möglichkeit garantiert, sowohl ihre Regierungen zu wählen und zu kontrollieren als auch dort, wo es sich als notwendig erweist, sie auf friedliche Weise zu ersetzen‘.

Staatlicher Begriff

Ein Staat kann dann als gerecht bezeichnet werden, wenn er in Gerechtigkeit seine Verantwortung für die Bürger/innen und Bewohner/innen wahrnimmt:

  • in der Gesetzgebung und Rechtsprechung
  • in der Wirtschafts- und Sozialpolitik
  • in der Sorge für kulturelle und sittliche Werte
  • in der Steuer- und Finanzpolitik
  • in der Strafgerichtsbarkeit
  • in der Bildungspolitik
  • in der Familienpolitik
  • in der Förderung und dem Schutz des Friedens und der Verteidigung des Staates
  • in der Wahrung der Menschenrechte.

Ein Staat ist umso gerechter, je mehr sowohl die Regierung als auch die einzelnen Bürger/innen gemeinsam an diesen Verantwortungen teilhaben. Gerechtigkeit erfordert deshalb Solidarität, d.h.: Alle müssen über ihr eigenes Interesse hinaus das Wohl des ganzen Staates anstreben. Dazu verpflichten sich im gerechten Staat die Bürger/innen in ihrem Gewissen und in Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten.

Gerechtigkeit erfordert ebenso Subsidiarität, d.h.: Die Rechte und Kompetenzen der einzelnen Bürger/innen und kleinerer innerstaatlichen Gemeinschaften werden vor allzu grosser Einmischung seitens der Staatsregierung geschützt. Gleichzeitig stehen Einzelnen und kleineren Gemeinschaften die notwendige Hilfe, Unterstützung und der Schutz der Regierungsträger zu, sich in Menschenwürde und Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit entfalten zu können.

Für Christen kann der gerechte Staat allein nicht genügen. Sowohl Solidarität als auch Subsidiarität sind als soziale Gerechtigkeit in weltweiter Verbundenheit Gottes Richtmass für das Zusammenleben aller Menschen, aller Staaten und der ganzen Schöpfung. Im Staat sollen die Bürger/innen und Bewohner/innen eine Heimat in Frieden gestalten und finden.