Wer ist nicht mit dem Sprichwort gross geworden: ‚Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu‘! Als sogenannte ‚Goldene Regel‘ schliesst diese Lehrweisheit positiv formuliert die Bergpredigt Jesu ab:  ‚Alles, was ihr also von andern erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz‘. (Mt, 7,12)

Viele Weltreligionen kennen diese Weisung zum gelingenden Zusammenleben. Und es gibt wohl niemanden, der diese ethische Richtlinie nicht gut fände. Sie ist einsichtig und überzeugt. Sie weist hin auf wichtige Erfahrungen: einander bejahen und respektieren, Wertvorstellungen und Normen gemeinsam kritisch überdenken, Konflikte miteinander konstruktiv austragen, Leiden gemeinsam durchstehen, sich gegenseitig verzeihen und sich versöhnen. Das Liebesgebot meint: Partei ergreifen für Menschen, denen Unrecht geschieht, in Not Hilfe leisten, Einsatz  für die Verwirklichung der Menschenrechte und die Fähigkeit, echte Kompromisse zu entwickeln.

In der Praxis stehen wir oft hilflos vor der Frage ‚Wie mache ich das bloss‘? Wenn die Goldene Regel noch gar in das zentrale Liebesgebot des christlichen Glaubens mündet, wird es manchmal für Christen zu einer Crux, weil wir immer wieder hinter dem Anspruch Jesu Christi zurückbleiben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst, kein anderes Gebot ist grösser als diese beiden‘. (Mk 12,30f;  Dtn 6,4f; Lev 19,11-18) Es geht um viel mehr als um (romantische) Gefühle gegenüber Gott, gegenüber andern und gegenüber sich selber. Das Liebesgebot fordert eine innere Haltung, die das Tun bestimmt.

Christen glauben: Jeder Mensch ist wertvoll. Alle dürfen ihre eigenen Gefühle, Bedürfnisse, Träume und Ideen haben. Alle dürfen zu ihrem eigenen Körper stehen, zu ihren Überzeugungen, Fähigkeiten und zu ihrer Kultur. Wer ich bin, meinen Selbstwert lerne ich nicht nur ‚im stillen Kämmerlein‘ für mich selber, sondern vor allem in Beziehungen mit andern.

‚Den Nächsten lieben wie mich selbst‘ bedeutet, immer wieder das Gleichgewicht zu finden zwischen den Ansprüchen anderer und den eigenen. Das erfordert Einfühlungsvermögen: Sich in die Lebenssituation anderer Menschen versetzen zu können, ohne die eigene Situation  aus den Augen zu verlieren, anerkennen und aushalten, dass einem Anderen ganz Anderes wichtig und wertvoll ist als mir. Und wir unterstützen und befreien einander – manchmal trotzdem – zum gelingenden Leben: Gelebte Nächsten- und Selbstliebe!

Christliche Nächsten- und Selbstliebe ist in zweifacher Weise von der Liebe Gottes genährt und getragen. Zum einen erleben wir uns selber und die Nächsten immer wieder fremd, geheimnisvoll und unverfügbar, so gut wir uns auch kennen mögen. Wir ahnen: Die letzte Würde als Menschen kommt uns von Gott zu. Er trägt uns letztlich existenziell und stiftet dem Leben Sinn.

Zum andern verstehen sich Christen in die Nachfolge Jesu gerufen. Er soll unsere ethische Haltung, unsere Spiritualität prägen. Seine Liebe seinem Vater gegenüber und seine Treue zu Gottes Willen (Joh 6,37-39; Lk 19,10) sollen auch unsere Liebe und Treue sein. In Jesu Umgang mit den Menschen wurde klar, dass zu jedem eigene Identität und Menschenwürde gehört. Soziale Stellung, politische Überzeugung, Geschlecht, Alter, Volks- oder Religionszughörigkeit spielen keine Rolle. Jesus handelte mit einer grossen inneren Freiheit gegenüber entwürdigenden und gewalttätigen Lebensverhältnissen.

Ihn hat diese von Gottes Liebe begeisterte Solidarität ans Kreuz gebracht. Auch Christen verspricht gelebte Gottesliebe nicht bequemes Leben, jedoch innere Freiheit zur Gerechtigkeit.