‚Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.‘ So beten Christen. ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde‘ (Gen 1,1). So steht der allererste Satz in der Bibel. ‚Du hast die Erde auf Pfeiler gegründet, in alle Ewigkeit wird sie nicht wanken‘ (Ps 104,5). So betet der Psalmist. - Was sollen Menschen mit so einem Gottes- und Weltglauben in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften ca. 25 Milliarden Jahre annehmen als Entstehungsursache des Kosmos?
Die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Buch. Sie enthält keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisprotokolle. Biblische Texte machen keine Aussage über Art und Weise der Entstehung des Weltalls. Aus dem Glauben verkündet die Bibel Gott als den, der von Anfang an mit der Welt ist, sie erhält und in dem die Schöpfung ihr Ziel findet. Biblischer Schöpfungsglaube ist eine religiöse Deutung der Welt. Er ist kein Bekenntnis zu einer bestimmten Theorie der Weltwerdung.
Je differenzierter Naturwissenschafter forschen und erforschen, je mehr Antworten sie auf all die Rätsel finden, desto mehr Unerforschtes und Fragen tauchen auf. Wir leben in einer Welt, die wird. Sie war nicht immer so, wie sie jetzt ist, und sie wird sich weiterentwickeln. Von dem, was wir heute von unserer Zeit und unserem Welt- und Menschenbild aus erkennen, werden spätere Generationen einmal sagen: ‚Nach damaligem Verständnis von der Erde und der Welt haben sie erkannt …‘ Ebenso geht es uns mit der Erkenntnis der Menschen zur Zeit der Entstehung der Bibel. Unsere Vorfahren nahmen damals die Erde wahr und deuteten sie aus ihrem Gottesglauben.
Der katholische Theologe Norbert Scholl schreibt: ‘Bei all dem vielen, was gegen die Existenz Gottes sprechen mag: Wer staunend und voll Ehrfurcht die vielen grossen und kleinen Wunder der Natur betrachtet, wird zumindest die Frage nach der Existenz Gottes offen lassen.‘
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse und die Glaubensdeutung der Schöpfung Gottes sind zwei Redeweisen über das, was war, was ist und sein wird. Sie schliessen einander nicht aus. Die Naturwissenschaften haben Erkenntnisse aufgrund von Forschungen über die Entwicklungsgeschichte des Kosmos zu formulieren. Die christliche Theologie versteht ihre Aufgabe in der Verkündigung aus ihrem Glauben: Die Welt gründet in Gott. Er hat mit ihr und sie mit ihm seit jeher und für immer zu tun. Sie gehen einander etwas an.
Katholische Christen und die katholische Theologie sind verpflichtet und herausgefordert, mit den Naturwissenschaften und ihren Erkenntnissen im Dialog zu sein. ‚Erkennt die Zeichen der Zeit‘ (Lk 12.56): Wir Christen sind immer neu herausgefordert, die Botschaft Jesu in der Kultur und Sprache von heute zu verkünden.
Die Bibel spricht vom Menschen als ‚Abbild Gottes‘ (Gen 1,27). Christen sind gerufen, im Geist Gottes die Welt, die Erde zu ‚bebauen‘, sich um sie zu sorgen, damit sie sich weiterentwickeln kann und allem Leben nützt.
Norbert Scholl schreibt:
‚Eine verantwortungsbewusste Nutzung und Weiterentwicklung der in sich selbst keineswegs statisch-abgeschlossenen Schöpfung darf in ihr nicht eine beliebig zu handhabende Verfügungs- und Manipulationsmasse oder eine blosse Rohstoff-Quelle sehen. Wer sich zu Gott dem Schöpfer bekennt, muss im Mitmenschen und in den Mitgeschöpfen etwas anderes erkennen als nur die Produkte des Zufalls und der Evolution. Er begegnet in ihnen letztlich dem Geheimnis einer unfassbaren, wunderbaren Kraft, die in allem verborgen ist, die alles trägt und erhält.‘