Glauben
„Ich glaube“ – „wir glauben“. Im Alltag brauchen wir das Wort „glauben“ oft um zu sagen: „Ich meine“, „Wir vermuten“. Wenn Menschen im religiösen Sinn von „glauben“ sprechen, verstehen sie das Wort oft in diesem Sinn. Wenn jemand sagt: „Ich glaube, dass es Gott gibt“, kann das heissen: Hier ist jemand von etwas überzeugt, das nicht allgemein feststellbar ist. Es kann logisch nicht eindeutig erklärt werden. Doch es gibt Erfahrungen und Zeugnisse, die dafür sprechen, dass es Gott gibt.
Zu den Erfahrungen, die zum Glauben an Gott führen können, gehört alles, was wir in dieser Welt erleben. In den Fragen, die wir an die Wirklichkeit stellen, können wir Gott erahnen. „Glauben“ heisst dann: Ich versuche, alles Leben zu verstehen, wir versuchen diese Welt mitzugestalten unter dem Blickwinkel, dass sie mit Gott in Beziehung ist. Da ist ein Gott, in dem die Welt gründet, der sie liebt und heilend mit ihr ist.
Christen bekennen im Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde“. Dieses Bekenntnis ist nicht einfach eine gottesdienstliche Formel aus dem 2. Jh.n.Chr. Es ist damals wie heute ein gemeinsames Lob von Christen, die in Gott ein Du verlässliches gefunden haben. Im Bekenntnis geben wir dafür Zeugnis. Wir lassen uns ins Zeugnis unserer Vorfahren im Glauben mit hinein nehmen.
Entscheiden und Vertrauen
„Glauben“ bedeutet sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft der Glaubenden, sich in einer personalen Beziehung zu Gott zu verstehen. Es ist die Entscheidung, mit Gott im Leben zu rechnen. Es ist die personale Entscheidung, das Leben von ihm her, mit ihm und auf ihn hin zu deuten – und von dieser Deutung aus mit der Wirklichkeit umzugehen.
Wenn „glauben“ eine personale, freie Entscheidung ist, hat dies mit Vertrauen zu tun. Jemandem, der mir den Weg zu einem gewünschten Ziel in einer fremden Stadt erklärt, vertraue ich, wenn ich kontrollieren kann, dass er sich auskennt. Doch wenn mein Vertrauen mit Zuneigung und Liebe zu tun hat, entscheidet nicht die Kontrollmöglichkeit. Es wird entscheidend, was mir mein Gegenüber wert ist.
Für den christlichen Glauben heisst deshalb die Frage auf meine Entscheidung hin: Was sind mir Menschen, die mir auf meinem religiösen Weg wichtig sind, wert, was sind mir die Verfasser der Bibel wert? Sind sie glaubwürdig? Kann ich ihnen vertrauen in dem, was sie mir für meinen Glauben mitgeben? Gottvertrauen hat nicht unwesentlich mit zwischenmenschlichem Vertrauen in der Weitergabe des Glaubens zu tun. Das gilt auch für andere Glaubenswege, nicht nur für den christlichen. Vertrauen zwischen den Menschen kann jedoch zerbrechen. Nicht selten geraten Menschen dabei in Versuchung, auch ihren Glauben abzulegen.
Deshalb heisst die entscheidende Frage: Ist Gott es mir wert, dass ich ihm vertraue? Als Christ zu glauben heisst: Ich vertraue mich Gott an. Ich vertraue diese Welt Gott an. Ich verlasse mich auf ihn. Wir verlassen uns gemeinsam auf ihn. So wird „Sich-anvertrauen“ zu einer Lebensgrundlage, auf der Christen in Freud und Leid, in Ängsten und Hoffnungen, im Leben und im Sterben glauben, dass einer allem letztlich Sinn stiftet und Sinn-Leere überwindet.
Glauben lässt sich nicht verordnen und nie befehlen. Dass ein Mensch zum personalen Glauben an Gott findet und sich für Gottvertrauen entscheidet, muss und darf im Einzelnen wachsen. Dazu ist „Glauben-können“ auch immer ein Geschenk von Gott: „Gottes Geist schenkt Glaubenskraft“, schreibt Paulus (1 Kor, 12.9)
Um ein Geschenk darf man auch bitten!