‚Jesus Christus Ja – Kirche Nein‘ So sagen ab und zu Christen, die sich aus verschiedenen Gründen aus dem Leben mit der Kirche zurückgezogen haben.

Solchem Denken und Reden liegt die Meinung zugrunde, Jesus Christus und seine Frohbotschaft von Gott seien ‚zu haben‘ ohne Kirche. Wer Kirche auf die globale rechtliche Institution mit Leitungsordnung, Finanzen und vielfältiger Gemeindepraxis in allen Ländern der Erde reduziert, mag auf den ersten Blick vielleicht recht haben. Hätte Jesus von Nazareth nebenbei auch noch eine Organisation gegründet und ihr die Verwaltung seiner Reich-Gottes-Verkündigung anvertraut, wäre die Trennung zwischen ihm und dieser Verwaltung vielleicht auch noch verständlich. Doch nicht die Kirche trägt die Wurzeln, sondern die Wurzeln tragen die Kirche (Röm 11,18). Die wichtigste Wurzel der christlichen Kirche ist Jesus Christus.

Die Wurzeln der Kirche reichen jedoch bis zu den Glaubenden, die von Gott herausgerufen wurden, seinen Heils- und
Befreiungswillen in Wort und Tat zu bezeugen. So ist es jüdisch-christliche Überzeugung.

Herausgerufen heisst auf griechisch ‚ek-kaléo‘. Die Herausgerufenen sind miteinander die ‚ekklesia‘, lateinisch
‚ecclesia‘, französisch ,église‘, italienisch, ‚chiesa‘. Abraham (Gen 12,1), Mose (Ex 3,4), die Propheten (1 Sam 3; Jes 6,1-8; Jer 1,4-10) und letztlich das ganze Volk Israel (Jes 40,9-11; 49,3; Hos 11,1) verstanden sich als von Gott herausgerufen. Diese besondere Herausrufung verstanden sie jedoch nie als besondere Bevorzugung. Auf die von Gott Herausgerufenen warteten nie Erleichterungen im Leben oder die ausschliessliche Liebe Gottes nur für sie als die allein
Auserwählten. Keineswegs.

Berufen von Gott, herausgerufen zu sein versteht der jüdisch-christliche Glaube klar so: Gott nimmt Menschen für sich
und für andere besonders in Dienst. Menschen erfahren, dass Gott sie beauftragt und in die Pflicht nimmt, Zeugnis zu geben für ihn und seinen Willen, die Schöpfung von Schuld und Not zu befreien. Die Herausgerufenen sollen den Menschen Gott und seine Sinngebung des Lebens verkünden.

Paulus zeichnet in Röm 11,16-24 im Bild vom Ölbaum, dass die christliche Kirche die tiefsten Wurzeln in Israel hat. So hat die christliche Kirche streng genommen ihren Anfang nicht in Jesus von Nazareth vor ca. 2000 Jahren, sondern sie ist das Werk Gottes (1 Kor 12,28; 1 Tim 3,15).

Doch mit Jesus von Nazareth entstand eine neue Situation. Wie er lebte, wirkte, redete, wie er dafür gelitten hat und
hingerichtet wurde, machte vielen Menschen – Juden und andern – Augen und Herz auf und sie glaubten: Er ist der Berufene, der Herausgerufene Gottes als sein Zeuge schlechthin. Und unter der kleinen Schar von Frauen und Männern, die Jesus nach der Katastrophe am Kreuz und in der Erfahrung seiner Auferstehung am Ostermorgen treu blieben, wuchs die Gewissheit im Glauben: Wir sind von ihm erwählt, berufen, herausgerufen, weiter zu tun und zu verkünden, was er tat und verkündete. Das gilt für alle, die zu ihm gehören wollen.

Wo immer Menschen bis heute ihre Beziehung zu Jesus Christus so sehen und verstehen, da ist und wird Kirche. Alle, die sich an Jesus Christus orientieren, ihm glauben, für ihn mit ihrem Leben Zeugnis geben wollen – sei es oft noch so fehlerhaft und kümmerlich – sind miteinander weltweit die Gemeinschaft der Kirche. Jesus Christus und die Kirche lassen sich im tiefsten Kern nie trennen.

Diese von Jesus berufenen Frauen und Männer mit ihren Familien, diese Jesus-Bewegung wurde in der ersten Zeit ‚Neuer Weg‘ genannt (Apg 9,2). In Antiochia nannte man die Jesus-Glaubenden zum ersten Mal ‚Christen‘ (Apg 11,26). Und als das Evangelium nach Matthäus aufgeschrieben wurde, waren die, die zu Jesus Christus Ja sagten, an ihn glaubten und ihn bezeugten, die Kirche ‚ekklesia‘ (Mt 18,17). Das deutsche Wort ‚Kirche‘ stammt vom griechischen ‚Kyriake oikia – Haus des Herrn‘. Die Glaubenden sind das Haus Jesu Christi ‚aus lebendigen Steinen‘ (1 Petr 2,5)