Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Gott. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten Bilder aus meinem Leben. Und jedesmal sah ich zwei Fussspuren im Sand, meine eigene und die meines Gottes. Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens. Besorgt fragte ich Gott: „Du hast mit versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte“? Da antwortete er: „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen“. (Margaret Fishback Powers)

Wie oft habe ich schon gesagt: Ich mag es Jesus von Nazareth überhaupt nicht gönnen, dass er nach einem Leben mit vielen Anfeindungen in der damaligen Zeit wohl auf die grauenvollste Art sterben musste. Und trotzdem bin ich froh, dass er nicht nur ein Leben ‚mit Halleluja‘ gelebt hat und ‚ruhig einschlafen‘ konnte. Denn so können wir in ihm lesen und glauben, dass es kein Leid gibt, das letztlich nicht in ihm mitvollzogen und aufgehoben ist. Er weiss drum. Er kennt es.

Ähnlich kann ich von der Weisheitserzählung des Ijob in der Bibel sagen: Wie gut, dass er sich nicht mit dem Rat seiner Frau und mit billigen gut gemeinten Tröstungen der Freunde zufrieden gab, sondern mit Gott kämpfte und seiner eigenen Würde trotz allem sicher war. Er litt und kämpfte bis er sagen konnte: ‚Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge dich geschaut‘ (Ijob 42,5).

  • In vielen Psalmen klagen Menschen Gott ihr Leid, z.B:
  • Ich bin am Ende und frage dich: Wie lange noch?(Ps 6,4)
  • Ich bin wie ein zerbrochenes Gefäss (Ps 31,13)
  • Ich bin verstummt und still und schweige fern der Freude und muss mein Leid in mich fressen (Ps 39,3)
  • Ich bin von dir entsetzt, darum bin ich verstummt (Ps 88,17)

Was Ijob durchlitten hat, was Jesus durchlitten hat, was unzählige Menschen an Leid durchlitten haben und noch durchleiden, verlangt nach der Rechenschaft Gottes. Die Theologie spricht da von der sog. Theodizee-Frage: Die Rechenschaft Gottes angesichts des grossen Leides.

Wenn uns Leiden und Not schwer belasten, kann es sein, dass wir den Sinn des Lebens nicht mehr sehen. Es kann sein, dass wir dieses Leben verwünschen. Wir haben nur noch Tränen – oder haben keine Tränen mehr – und Gott schweigt. ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meinem Schreien, den Worten meiner Klage? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort; ich rufe bei Nacht und finde doch keine Ruhe‘. (Ps 22,2f)

Juden und Christen klagen dem fernen Gott in vielen Psalmen ihr ganzes Leid. Sie beklagen den schweigenden, abwesenden Gott. Vielleicht gibt es auch heute kaum ein Gebet, das uns modernen Menschen so aus dem Herzen kommt, wie wenn wir klagen. Ich glaube, dass auch religiöse Menschen ‚Gott nicht immer in allen Lebenssituationen zur Hand haben‘. Es ist eine ehrliche Erfahrung, dass Gott nicht da ist, nicht spürbar ist, dass er uns keine Antwort gibt. Wir können ihn nicht finden.

Gott ist nicht so, wie wir ihn uns wünschen.

Für mich ist es ein grosser Trost, dass Jesus diese Gottferne auch durchlitten hat. Also gibt es Gott eben auch so, so fern, so wie nicht da! Also darf ich auch das verzweifelte, leidvolle Rufen nach dem schweigenden Gott im Schreien Jesu aufgehoben wissen. Christen glauben, dass Gott uns nie befreiender und erlösender nahe gekommen ist als wie am Kreuz. So dürfen wir glauben und vertrauen: Dieser Gott Jesu, ist auch uns im Leiden und in allem Notschrei nahe. Und wenn wir meinen, dass niemand sorgend mit uns ist, er ist da, mitleidend und erlösend.

Wer dies erfahren darf, wer die Spur Gottes im Leid finden darf, kann vielleicht den Notschrei im Ps 22 zu Ende beten bis hin zum ganz neuen Klang und Inhalt: ‚Ich will deinen Namen meinen Brüdern und Schwestern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen. … Deine Treue preise ich. (Ps 22,23.26)