‚Wo war Gott‘? So schrieb die Bild Zeitung in grossen Buchstaben auf der Titelseite nach dem Tsunami am 26. Dezember 2004.

Wieso muss ich im Rollstuhl sitzen? Weshalb ist das Kind unseres Nachbarn mit dem Velo tödlich verunglückt? Warum starb meine Frau im Mittagsschlaf an einem Hirnschlag, während ich mit den Kindern ‚Eile mit Weile‘ spielte? Wieso finde ich keine Arbeitsstelle? Warum habe ich diesen gewaltbereiten Mann geheiratet? Weshalb wurden so viele Menschen beim Erdbeben obdachlos? Warum? Wieso? Weshalb?

Die Liste, die von der Traurigkeit im Leiden erzählt, kann sehr lang werden. Menschen und die Religionen versuchen auf die Warum-Frage menschlichen Leidens Antwort zu geben. Ist die Not der Beweis, dass es einen guten Gott nicht geben kann? Ist Gott für das Elend der Menschen verantwortlich? Religiöse Sprache deutet menschliche Not auf dreifache Weise:

  • Leiden ist Strafe Gottes
  • Leiden ist eine Prüfung des Glaubens und Vertrauens von Gott her
  • Leiden ist ein Prozess, durch den Gott die Menschen läutern will

Diese Erklärungsversuche für unsere Nöte und Leiden kennt auch die Bibel im Ringen von Menschen in ihrer Warum-Frage mehrfach. Im AT-Buch Ijob sind die Freunde, die den leidenden Ijob besuchen, theologische Vertreter dieser Erklärungen. Ijob kann keine dieser vermeintlichen Tröstungen akzeptieren und hadert mit Gott weiter. Er rebelliert gegen ihn. Er verwünscht ihn und den Tag seiner eigenen Geburt (Ijob 10,1-22). Jesus schreit am Kreuz: ‚Mein Gott, warum hast Du mich verlassen‘? (Mk 15,34/Ps 22,2)

Wir Menschen suchen nach der Ursache, nach den Schuldigen für unser Leiden.

Leiden = eine Strafe Gottes?

Diese Ansicht wird heute kaum noch vertreten. Doch nicht zu leugnen ist, dass viel Leid die Konsequenz unseres Tuns und Lassens ist, das wir uns eingehandelt haben. Die Schuld an Leiden können wir nicht immer so leicht – wie den Schwarzen Peter – andern zuschieben, auch Gott nicht. Heilend wirkt zuerst nur die Einsicht: Ich bin selber schuldig geworden. Ich bin andern oder mir selber dies und jenes schuldig geblieben. Sich das einzugestehen, kann sehr weh tun, aber auch befreien auf heilende, versöhnende Schritte hin.

Leiden = eine Prüfung Gottes?

Ich glaube nicht, dass Gott es nötig hat, unsere Treue und Liebe zu ihm durch Leiden zu prüfen. Prüfungen haben wir jedoch immer wieder zu bestehen im Umgang miteinander, in der Gestaltung unseres Zusammenlebens nah und fern, in der Entscheidung, welchen Werten wir uns verpflichten. Und da können wir erschreckend viele Möglichkeiten erkennen, wie wir Menschen einander sehr grosses Leid zufügen können – und es auch tun bis hin zu Leid-schaffenden Strukturen.

‚Es hat keinen Sinn, um den heissen Brei herumzureden. Der Grund für das viele Leiden in der Welt ist die Sünde, ist unsere Sünde. Die Sündigkeit des Menschen, die tief bis in die feinsten Strukturen unserer Gesellschaft, unserer Politik, unseres Wirtschaftssystems hineingelangt, so dass wir uns davon kaum mehr zu befreien vermögen. … Wenn wir das Wort „Sünde“ hören, kommen bei uns ähnliche Mechanismen in Gang, wie wenn wir vom Leiden reden. … Man könnte sie mit dem Wort „Apathie“ bezeichnen. Vom Leiden wollen wir nichts hören. … Bei der Sünde ist es ähnlich, das Nicht-wahrhaben-wollen. Wenn wir das Wort „Sünde“ hören, dann geht ein riesiges Entschuldigungstheater durch unsere Reihen, besonders wenn es um meine Sünde geht. … Es wäre bestimmt sehr viel gewonnen, wenn wir uns ehrlich aufraffen könnten, unser Tun und Lassen auch wirklich als Sünde zu bezeichnen, ganz einfach weil es der Wahrheit entspricht, ganz einfach weil wir Sünder sind. Dies einzugestehen, so meine ich, ist der Anfang dafür, manches Leiden auch wirklich zu überwinden‘. (Hermann-Josef Venetz)

Ganz zuunterst unter allen Fragen in menschliches Leid hinein, können wir an Gott die Frage stellen: Warum hast Du uns nicht als gut funktionierende Marionetten in Deiner Hand erschaffen? Weshalb hast Du uns wie ein guter, lieber Vater die Freiheit zugetraut, anvertraut und zugemutet – selbst mit dem Risiko, sie zu missbrauchen?

Und in die Erfahrungen von Erd- und Wasserbeben, von Sturm-, Feuer- und Wassergewalt lässt sich nach aller Reflexion über unser menschliches Umgehen mit der Mitwelt Gott fragen: Weshalb hast Du nicht nur uns Menschen Kraft von Dir eingehaucht, sondern allen Geschöpfen, verbunden mit dem Recht auf Leben?

Wer nach dem Warum von vielen Leiden fragt, kommt an der Frage nach der Liebe zu allem und der verantworteten Freiheit von uns Menschen nicht vorbei.