Peter Handke hat der Biographie über seine Mutter den Titel gegeben ‚Wunschloses Unglück‘.

Manchmal ist Leiden nichts anderes als traurig, bedrückend und schmerzlich. Oder macht es Sinn,

  • dass der Familienvater mit 48 Jahren seine Arbeitsstelle verliert, weil die Firma den Betrieb aufgibt?
  • dass die Frau, die so gerne heiraten möchte, keinen Partner findet?
  • dass das Feuer das Haus der Familie N. total zerstört, während die Familie in den Ferien ist?
  • dass dem jungen Mann von einem Krankenpfleger eine falsche Spritze verabreicht wurde, und er fortan ein gelähmtes Bein hat?
  • dass sich ein Elternteil nach der Scheidung einfach nie mehr bei den Kindern meldet?

Im Leiden an sich steckt kein Sinn. Gott, offenbart sich immer wieder als der, der aus dem Leiden herausführen, retten und heilen will. Oft erzählen biblische Geschichten, dass Menschen in ihrem Glauben in Not und Unglück wieder Lebenssinn gefunden haben. Im NT erleben Menschen, bei denen Jesus sich aufhält, etwas Befreiendes auf Zukunft hin. Er weckt in ihnen neue Hoffnung. Wo er mit ihnen zusammen ist, tut sich ihnen das Leben neu auf. Sie können wieder atmen. Sie können für sich und andere wieder Verantwortung übernehmen.

Vielleicht lohnt es sich unter diesem Blickwinkel einmal zu lesen:
MT 6,19-34 Vom rechten und vom falschen Sorgen
Mk 4,30-32 Gleichnis vom Senfkorn
Lk 19,1-10   Begegnung Jesu mit dem Oberzöllner Zachäus
Joh 8,1-11    Begegnung Jesu mit Ehebrecherin, den Theologen und Frommen

Das Leid ist deswegen nicht einfach vergessen, erledigt, es schmerzt trotzdem. Und doch richtet sich der Blick nach vorn.

Ein Vater, dessen Kind durch die Unvorsichtigkeit eines andern Kindes starb, sagte mir einmal: ‚Was soll ich zürnen, was soll ich Strafe und Wiedergutmachung wollen. Das alles bringt mir mein Kind nicht wieder zurück. Ich muss anders schauen lernen‘.

Oder wie Hermann-Josef Venetz schreibt: ‚Wer nach dem Warum fragt, der blickt nach rückwärts und wühlt in der Vergangenheit. Von der Vergangenheit werden wir aber selten eine Antwort finden, die uns wirklich weiterführt‘.

Dass Leute nach durchlittenem Leid, nach durchgestandener Not, nach gelungenem Neuanfang sagen können: ‚Es war nicht umsonst. Es hat einen Sinn gehabt‘, zeigt, dass sie zu einer neuen Frage gefunden haben. Nicht im Leid selber steckt der Sinn. Langsam oder vielleicht ganz plötzlich wird es den Leidenden möglich, neu zu fragen: ‚Wozu – Wofür – Wohin könnte mir dieses Leid, diese Erfahrung einen Weg auftun‘?

Eines ist sicher: Jesus ist nicht gekommen, um zu leiden, um zu verurteilen, um zu bestrafen. In ihm hat Gott sich als der offenbart, der da ist, um uns Menschen aus Leid und Not zu befreien. Zwar heisst dies nicht, dass damit den Menschen ein bequemes, sorgloses Leben verheissen und bereitet ist. Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer, die zu neuem Sinn, zu einem neuen Wozu und Wofür gerade durch das Leid in ihrem Leben gefunden haben, werden nicht an neuem Leiden vorbei kommen. Es wird – wie für Jesus – wahrscheinlich auch Leiden sein, das sich aus Liebe für andere lohnt. Wer sich befreiend, und somit im Geist Jesu Christi sinnvoll immer wieder auf die Seite des Lebens stellt, dafür Partei ergreift, auf den wartet früher oder später auch das Kreuz. Doch es wird Leiden sein, das Leben zu schaffen vermag.

Christen glauben – alle Menschen sollen glauben und vertrauen dürfen: Gottes letztes Wort heisst nicht Karfreitag, sondern Ostern!