‚Wir haben doch alle den gleichen Herrgott. Damit erübrigt sich jede Diskussion‘. So höre ich immer wieder einmal.
Wenn dem so ist, wie Walter Kardinal Kasper sagt: ‚Das, was uns eint, ist weit mehr als das, was uns trennt‘, so legen wir doch das Trennende ad acta und glauben, leben und feiern das, was uns eint. Geben wir der Kirche doch einfach die Gestalt, die zur heutigen Zeit passt. Vor allem in den Kirchen des Westens sind nicht wenige Christen versucht, die Ökumene auf diese Weise zu leben.
Doch ein ökumenischer Dialog rechnet in allen Kirchen mit Mitchristen, die da ihre Identität haben, diese kennen und wertschätzen. Niemand will deshalb seine eigene Glaubenstradition oberflächlich aufgeben, oder dies von seinen Schwestern und Brüdern im Glauben verlangen. Ökumenische Bibel- und Glaubensgespräche tun oft gut, um die andern Kirchen kennen zu lernen, die eigene aber zu reflektieren und lieb zu gewinnen.
Wer einen Gottesdienst in einer andern Kirche mitfeiert oder da eine Bildungsveranstaltung zur Gottesbeziehung, zum Gottesverständnis oder zur Heiligen Schrift besucht, wird vor allem finden, was uns eint. Der schwierige Punkt liegt in der Frage nach der Kirche und den Ämtern in der Kirche. Da gerät ein echtes gemeinsames Suchen der römisch katholischen Kirche zusammen mit der christkatholischen und anglikanischen Kirche, mit den Kirchen, die sich auf die Reformatoren des 16. Jh. berufen und den kirchlichen Gemeinschaften, die daraus hervorgegangen sind, mit den Traditionen der Ostkirchen immer wieder an schmerzliche Grenzen. Die Gläubigen aller Kirchen trifft dieser Schmerz meistens nur dort, wo es um die Frage geht: Können, dürfen, sollen wir gemeinsam Eucharistie, Abendmahl feiern? Zwischen einigen Kirchen sind auch andere Sakramente, ihr Glaubensinhalt und ihre Feier immer wieder Gesprächsthemen, die ökumenische Wege auftun, aber auch Leiden am Getrennt-sein hervorrufen.
Wir hier sind ökumenisch besonders herausgefordert in der Beziehung zwischen unserer und den evangelisch-reformierten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften.
Die evangelisch-reformierte Glaubenstradition sieht Kirche in vollem Sinn in der konkreten Gemeinde von Christen, die sich um das Wort Gottes, zum gemeinsamen Gottesdienst und zur Feier der Sakramente von Taufe und Abendmahl versammelt. Sie trägt die soziale Verantwortung für die, die ihr angehören, und formuliert ihre Ordnung des Zusammenlebens. Sie ordiniert durch den Dekan den von Gott berufenen leitenden Pfarrer oder die Pfarrerin. Es gibt kantonale, landesweite und weltweite Bünde von reformierten Kirchen. So ist der Schweizerische Evangelische Kirchenbund ein Bund von Kirchen und nicht selbst Kirche. Dem ökumenischen Weltkirchenrat gehören heute rund 350 verschiedene christliche Kirchen und kirchliche Gemeinschaften aus 120 Ländern an.
Die römisch katholische Kirche versteht sich als eine weltweite Kirche. In Apg 2,1-13 bezeugt die junge Kirche, dass Menschen aus Nord und Süd, von Ost bis West, aus vielen Völkern, Kulturen und Sprachen zusammen kamen, vom Geist Gottes begeistert wurden und sich von da an als eine Glaubensgemeinschaft verstanden. Zum Kirche-sein der einzelnen Gemeinden gehörte von Anfang an dazu, dass sie Gemeinschaft hatten mit der Gemeinde und deren Leiter in Jerusalem. Nach nicht langer Zeit wurde die Aufgabe der Sorge und Verantwortung ‚zur Wahrung der Einheit im Glauben‘ dem Bischof in der Hauptstadt des Römischen Reiches, in Rom übertragen. Die christlichen Gemeinden in Jerusalem und im ganzen (ehemals) jüdischen Land verloren relativ bald, vor allem durch die politischen Entwicklungen, an Bedeutung und leider auch an Leben.
Kirche soll bis heute und in die Zukunft in verschiedenen Ländern verschiedene Gesichter der Glaubenspraxis haben. Die einzelnen Bistümer sind nicht einfach ‚untere Verwaltungsbezirke, sondern lebendige Zellen, in denen die ganze Kirche lebt‘ (Kardinal Joseph Ratzinger). Doch wir glauben uns geeint in demselben Geist Gottes als eine Gemeinschaft im Glauben. ‚Jede Ortskirche (Bistum) ist deshalb bei aller Eigenständigkeit immer auch Teilkirche innerhalb der universalen Kirche und darf sich auf keinen Fall von dieser grösseren Gemeinschaft der Kirche abschotten‘. (Kurt Koch, Bischof von Basel, seit 2010 als Kardinal Präsident des päpstlichen Rates für die Einheit der Christen)