- und das christliche Engagement mit den Familienrealitäten

Das fünfjährige Mädchen knappert an seinen Fingernägeln. ‚Hör bitte auf‘, sagt Mama. – Stille – ‚Mama, hast Du Papa dafür bezahlt, dass Du mich in Deinem Bauch haben konntest‘? – Stille – ‚Nein, was denkst Du auch‘! ‚Also, dann gehöre ich auch nicht Dir und nicht Papa. Dann kann ich mit meinen Fingernägeln machen, was ich will‘. – Stille – Das fünfjährige Mädchen knappert an seinen Fingernägeln weiter.

Der evangelische Theologe Karl Barth schrieb 1957 wie christlicher Glaube die Familie versteht: ‚Die Kinder sind kein Eigentum der Eltern; sie sind ihnen lediglich anvertraut, dass sie sie ins Leben hineinführen sollen‘. In dieser Aussage wird deutlich, dass Gott der letztlich Massgebende für das Leben als Familie  ist. Ihm gehören Kinder und Eltern. Von ihm sind Kinder den Eltern anvertraut. Familie-sein wird so zu einem Ort, zu einer Beziehung und zu einer Zeitspanne, wo Gottes Absicht für die Menschen möglichst gut und vielfältig eingeübt, erlebt und bewahrt wird.

Felicitas Betz schreibt zum Familie-sein: ‚Es muss von der Sorge um die Zukunft getragen sein, in der es auf Selbständigkeit und Verantwortung ankommt. In sich ständig wandelnden Situationen helfen keine Muster nur von gestern. Da muss jeder hinschauen und entscheiden können. Die Familie, die Erziehung muss dem Glauben ein Feld bereiten‘.

In der Familie lebt das Ehepaar Glauben an Gott, an die Menschen, an den Sinn und an die Zukunft der Welt. Aus diesem Glauben gestaltet es sein Zusammenleben. Aus diesem Glauben, den Hoffnungen, die daraus wachsen, und der Liebe, die verbindet, gestalten Vater und Mutter ihr Zusammenleben mit den Kindern. Sie übernehmen die Verantwortung, einander und den Kindern einen Ort, Beziehungen und eine Zeit zu ermöglichen, in denen sie Werte kennen lernen dürfen, die dem Leben dienen.

Für die Ehepartner gegenseitig und für die kleinen Kinder sind das die Erfahrung von Angenommen-sein ohne Wenn und Aber, von Vertrauen und Treue, von Geborgenheit, Schutz und Fürsorge, von Liebe um seiner selbst willen und von Verlässlichkeit.

Auch wenn diese Werte die Ehepartner und die Kinder durch alle Lebensalter hindurch tragen, gehören zur Familie im Laufe der Zeit weitere Felder der Lebenserfahrung. Damit die Kinder ihre Geschlechterrolle annehmen lernen, den Umgang mit ihren Aggressionen lernen, werden für sie Begegnungen und Auseinandersetzungen mit gleichaltrigen und andersgeschlechtlichen Kindern und andern erwachsenen Bezugspersonen wichtig. Die Schule wird zum Lebens- und Lernort der Kinder und der teilnehmenden und mitverantwortlichen Eltern. Jugendgruppen werden zu Lernorten verantwortlichen Zusammenseins. Jugendliche wählen sich diese Gruppen zunehmend selber. Für Eltern erwachsener Kinder ist die Erziehungsaufgabe erfüllt – das Miteinandersein als Familie geht weiter. Und es kommt die Zeit, da die Kinder selber Ehepartner und Eltern werden. ‚Das 4. Gebot gilt dann auch für das aktuelle Eltern-Kind-Verhältnis der jungen Familie und schliesst ein, dass die Grosseltern in ihren Kindern die Eltern ihrer Enkel ehren‘. (Siegfried Keil)

Die Familie als Lebensort aus Liebe, als Erfahrungsort von Verlässlichkeit und als Zeit des Lernens, mit sich und andern umzugehen, braucht den Schutz und die Unterstützung von Gesellschaft, Staat und Kirche. Ganz besonders brauchen Einelternfamilien, Familien mit kranken oder behinderten Angehörigen den Schutz und die unterstützende Hilfe von Gesellschaft, Staat und Kirche.

Keine Familie verwirklicht das Idealbild, den christlichen Traum ganz. Alle Familiengeschichten sind in einer oder mehrerer Hinsicht gebrochene Geschichten. Umso mehr soll vor allem auch die Gemeinschaft der Christen Eltern und Kindern Hilfe bieten, damit sie möglichst gut Familie sein können. Niemand hat im Namen des Glaubens Frauen und Männer, Mütter und Väter, Jugendliche und Kinder  zu verurteilen. Verantwortung tragen wir jedoch füreinander, damit Familie-sein nicht zu einer Überforderung wird. Es gibt viele Wege, Eltern und Kinder in strengen, schwierigen Phasen als Familie zu entlasten.

‚Ich find’s gut, dass wir einmal in der Woche nach der Schule beim Gotti sind und erst zum Schlafen heimgehen. Dann haben die Eltern ein bisschen Zeit zum Reden. Dann geht es uns allen wieder besser‘, sagte mir ein Viertklässler.