Mission oder interreligiöser Dialog

Weltkugel von stilisierten Menschen umgeben. Grafik

Initiativen visionärer Religionspolitik sind ins Stocken geraten. Die Bestrebungen, muslimische und orthodoxe Gemeinschaften öffentlich rechtlich anzuerkennen und nach hiesigen, rechtsstaatlichen und demokratischen Regeln zu organisieren, treffen auf organisatorische Schwierigkeiten und politischen Widerstand. Angesagt sind zurzeit kleine Schritte gegenseitiger Verständigung. 

Mit den interreligiösen Werkstattgesprächen will der Interreligiöse Arbeitskreis im Kanton Thurgau dazu einen Beitrag leisten. Wir durften das erste Werkstattgespräch in Münsterlingen beherbergen. 

Der Anlass wird eine Fortsetzung finden: Im Brauhaus Sternen in Frauenfeld führen die kath. und die evang. Fachstellen für Erwachsenenbildung unter dem Titel "Über Gott und die Welt" Stammtischgespräche durch. Zu jenem vom Mittwoch, 6. Juni 2018 um 20.00 Uhr werden Imam Rehan Neziri und Diakon Matthias Loretan eingeladen. Es steht unter dem Titel: Mission oder interreligiöser Dialog? Wie ist ein nicht-diskriminierender Umgang mit Anders-Gläubigen möglich?


Interreligiöser Dialog als Ernstfall von Mission: Arbeitsthesen von M. Loretan aus christlicher Sicht »»» 

  • Sollen religiöse Gemeinschaften auf die Missionierung in modernen Gesellschaften verzichten, um den religiösen Frieden nicht zu gefährden?
  • Sind religiöse Gemeinschaften notwendig steril, die sich auf die Befriedigung der Bedürfnisse Ihrer Klientel beschränken und nicht auch für andere da sind?
  • Welchen Kriterien müsste ein tolerantes Missionsverständnis genügen, das die Religions- und Glaubensfreiheit der Individuen respektiert

 

Mission JA, Gewalt NEIN

Der Vorstand des interreligiösen Arbeitskreises im Kanton Thurgau lud am 26. Januar Mitglieder und Interessierte zu einem Gespräch nach Münsterlingen ein. Gut zwei Dutzend Personen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit beteiligten sich daran mit engagierten und auch persönlichen Voten. Einige berichteten, wie sie selber Opfer missionarischer Übergriffe wurden. Andere erinnerten sich an peinliche Situationen, in denen sie ihren Glauben verschämt verleugnet hatten.

Gegen das Ende der lebhaften Diskussion zeichnete sich ein Konsens ab: Ein tolerantes Missionsverständnis muss nicht notwendig den religiösen Frieden bzw. das Zusammenleben der Religionen in pluralistischen Gesellschaften gefährden. Die Religionsgemeinschaften müssten sich allerdings konsequent darauf verpflichten, ihren Glauben nicht mit Gewalt durchzusetzen. Diesen Grundsatz sollten sie allerdings nicht als eine Einschränkung ihrer Missionstätigkeit wahrnehmen, welche der Rechtsstaat ihnen von aussen setzt. Vielmehr sollten sie umgekehrt die rechtsstaatliche Garantie der Religionsfreiheit von sich aus bejahen und aktiv mittragen. Ein guter Anknüpfungspunkt für das interreligiöse Gespräch bietet dazu die Goldene Regel (z.B. in christlicher Tradition etwa bei Matthäus 7,12). Fast alle Religionen kennen in verschiedenen Ausprägungen das Prinzip der Gegenseitigkeit.

Über die Grenzen der Religionszugehörigkeit hinweg verbindet das tolerante Missionsverständnis Menschen, die für den religiösen Dialog aufgeschlossen sind. Konflikte gibt es hingegen zunehmend innerhalb der Religionsgemeinschaften zwischen jenen, die ihre Wahrheit absolut setzen, und jenen, welche die Würde und (Religions-)Freiheit der einzelnen Menschen als höheres Gut achten.

So schilderte der Kreuzlinger Imam Rehan Neziri, warum und wie er sich von Bekehrungsversuchen salafistischer Bekenner auf dem Boulevard von Kreuzlingen abgrenzt. Er ist seiner Moscheegemeinschaft dankbar, dass sie hinter ihm steht und seine tolerante Haltung mitträgt.

In einem Thesenpapier erinnerte Matthias Loretan selbstkritisch an den langen Weg, den das Lehramt der katholischen Kirche zurückzulegen hatte, bis das Zweite Vatikanische Konzil vor gut 50 Jahren die Religionsfreiheit und damit die Würde des Menschen höher gewichtete als das Recht auf Wahrheit. Erst diese Wende ermöglichte ein offizielles katholisches Missionsverständnis, das sich mit den Prinzipien des modernen Rechtsstaates verträgt.

Bei seinem meditativen Einstieg zu Beginn des Abends zeigte Matthias Loretan anhand von zwei Bildern in der Klosterkirche, wie schon früher mystische Traditionen darum wussten, dass Gott ihnen nur als Geheimnis geschenkt ist. So zeigt das barocke Deckengemälde von Jakob Karl Stauders (1716) die Szene, in welcher der Engel Maria die Geburt Jesu ankündigt. Maria wird dabei zu einer Schlüsselfigur erfüllten Lebens. In ihrer demütig nach innen gerichteten Haltung ist sie ganz gegenwärtig, so dass in ihrem Herzen das Göttliche Gestalt annehmen kann. Auf ihre persönliche Antwort, auf die persönliche Entscheidung der Betrachtenden kommt es an. - Noch radikaler zeigt das Hungertuch von 1575 das Modell eines gottgefälligen Lebens. Jesus wird vorgestellt als ein geschundener und verletzter Mensch. Er ist das Opfer politischer und religiöser Macht, deren Herrschaftszeichen zu Folterwerkzeugen geworden sind, die Christus als Erlöser umgebracht haben. Eine Auferstehung in ein erfülltes oder ewiges Leben kann es nach diesem Bild nur in Solidarität mit den Geschundenen geben, nie aber in der Mission der Gottbesitzer.

Mark Keller führte als Moderator souverän durch den Abend und schloss das Gespräch in Anlehnung an eine Koran-Sure[1] sowie an die geäusserten Voten: „Und wenn Gott wollte, hätte er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. So aber wetteifert mit guten Taten. Wehe jenen, die meinten, sie würden Gott besitzen. Sie unterschätzen ihr Gewaltpotential.“

Matthias Loretan



[1] In der 5. Sure des Korans heisst es in Vers 48: Und wenn Allah wollte, hätte Er euch wahrlich zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Aber (es ist so,) damit Er euch in dem, was Er euch gegeben hat, prüfe. So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.

 

 


  

Interreligiöser Dialog im Thurgau

Die Initiativen visionärer Religionspolitik sind in der Schweiz ins Stocken geraten. Die Bestrebungen, muslimische und orthodoxe Gemeinschaften öffentlich rechtlich anzuerkennen und nach hiesigen, rechtsstaatlichen und demokratischen Regeln zu organisieren, treffen auf organisatorische Schwierigkeiten und den Widerstand politischer Parteien.

Angesagt sind zurzeit kleine Schritte gegenseitiger Verständigung. Seit Sommer 2010 wird zum Bespiel in Kreuzlingen islamischer Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen erteilt. Das Projekt kommt gut an, und zwar sowohl bei den Schulkindern mit muslimischem Hintergrund und ihren Eltern als auch bei Schulleitungen und Lehrpersonen. Die Beteiligten schätzen die integrative Wirkung des Projektes.

Den interreligiösen Arbeitskreis im Kanton Thurgau gibt es seit dem Herbst 2010. Der Verein setzt sich als zivilgesellschaftliches Netzwerk für den interreligiösen Dialog im Thurgau ein. Er pflegt Beziehungen zwischen den Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften, unterstützt interreligiöse Initiativen und führt eigene Projekte durch: Interreligiöse Feiern zum Bettag, die Webseite, Bildungsveranstaltungen.


 

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