Zu den sozialen Folgen der Pandemie

Wie hat sich die Corona-Pandemie in sozialer Hinsicht ausgewirkt? Und wie gilt es darauf zu reagieren? Diesen Fragen gingen die Thurgauer Seelsorger*innen in ihrer digitalen Pastoralkonferenz nach. Odilo Noti, der bis zu seiner Pensionierung 2018 Mitglied der Geschäftsleitung von Caritas Schweiz war, versuchte ein Bild aus nationaler Perspektive zu entwerfen. Judith Meier-Inhelder, Leiterin von Caritas Thurgau, fügte ihre Erfahrungen aus der Arbeit vor Ort hinzu.

Die Corona-Krise führte zum stärksten Wirtschaftseinbruch seit der Erdölkrise 1975. Gegenüber dem Vorjahr ging das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 um 2,9 Prozent zurück. Schätzungen gehen von einem Rückgang von 30 bzw. 15 Milliarden Franken in 2020 und 2021 gegenüber einem ungestörten Verlauf aus. Trotzdem kam die Schweiz vergleichsweise glimpflich davon. «Die Wirtschaft hat weniger gelitten als beispielsweise in Österreich, Frankreich oder Italien», führte Odilo Noti aus. Ökonomen würden sogar eine rasche Erholung trotz mancher Unabwägbarkeiten nicht ausschliessen. 
Auf diesem Hintergrund übte Noti Kritik am Vorgehen der Regierung in der zweiten Welle: «Wir hätten uns konsequentere Massnahmen zum Schutz älterer Menschen leisten können, wollten es aber nicht.» Angesichts der Senkung der Staatsverschuldung von 46,3 Prozent des BIP (2003) auf 25,8 Prozent (2019) und einer Steigerung des BIP im gleichen Zeitraum um ca. 62 Prozent wären für solche Massnahmen ausreichend Mittel zur Verfügung gestanden. 
Besorgt äusserte sich der Theologe zur Lage in Ländern des globalen Südens. Aufgrund hoher Arbeitslosigkeit und fehlender Sozialsysteme seien dort grosse Bevölkerungsteile durch die Krise in ihrer Existenz bedroht. Zudem würden in diesen Ländern Impfdosen fehlen, 35 von ihnen hätten noch gar keine erhalten. Deshalb forderte er, dass sich die Länder des Nordens für kostengünstige und schnelle Impflieferungen stark machen sollen.

Bisherige Mängel verschärft

Im Blick auf die soziale Situation in der Schweiz schickte Odilo Noti voraus, dass das Auftreten des Virus viele Mängel ans Tageslicht brachte, die vorher schon da waren. So hätte die Arbeitslosigkeit, die durch Corona um 50'000 auf 160'000 Personen angestiegen sei, ältere Menschen und Tieflohnsegmente stärker betroffen. Ausserdem hätten sich Prekarisierungs-Tendenzen verstärkt. Durch vermehrte Essenslieferungen kamen z. B. Kuriere zum Einsatz, die oft zu tieferen Löhnen und unsicheren Bedingungen angestellt wurden als zuvor das Servicepersonal.
«Arbeitnehmer*innen in Tieflohn-Branchen waren aufgrund von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit überdurchschnittlich von Lohneinbussen betroffen», führte Odilo Noti weiter aus. Gemäss Schätzungen hätten die untersten Einkommensklassen brutto rund 300 Franken pro Monat weniger zur Verfügung gehabt, während obere Lohnklassen sogar einen Anstieg von ca. 300 Franken verzeichnet hätten. 
Auch aus gesundheitspolitischer Perspektive hat Covid 19 die Ungleichheit in der Bevölkerung verschärft. Nach einer Studie starben in der Schweiz ärmere Menschen häufiger an Corona als wohlhabendere. Auf den Intensivstationen mussten mehr als doppelt so viele Covid-Patienten aus den zehn Prozent der ärmsten Bürger*innen behandelt werden als Patienten aus den zehn Prozent der Reichsten. 

Mindestlohn einführen

Angesichts dieser Entwicklungen gewinne das Postulat eines Mindestlohns, das 2014 noch an der Urne abgelehnt worden sei, deutlich an Boden, so Noti: «Auch Ökonomen wird bewusst, dass durch einen Mindestlohn die Kaufkraft gestärkt wird, was für eine wirtschaftliche Erholung notwendig ist.» Darüber hinaus forderte er Jobgarantien, Unterstützung von Ausbildungsabsolvent*innen bei der Stellensuche und im Blick auf Sans Papiers die Entkopplung des Rechts auf Sozialhilfe von der Aufenthaltsbewilligung.

Gipfel noch nicht erreicht

Judith Meier-Inhelder war froh, dass Caritas Thurgau mit den zur Verfügung stehenden Mitteln «schnell und unbürokratisch» finanzielle Unterstützung gewähren konnte: «Wir haben bis 22. März 35'800 Franken Soforthilfe geleistet.» Sie hätten zum Teil mit Menschen zu tun gehabt, die von den Sozialämtern abgewiesen worden seien oder aus Angst vor Ausweisung oder dem Verlust des Eigentums keine Sozialhilfe beantragt hatten. Für die Sozialpädagogin ist der Gipfel des Bergs noch nicht erreicht: «Ich rechne damit, dass nach dem Wegfall der staatlichen Unterstützungen Ende Juni die Not noch wachsen wird.» Die teilnehmenden Seelsorger*innen bat sie, Bedürftige auf die Hilfen von Caritas und die Verantwortlichen der Kirchgemeinden auf die Möglichkeit der finanziellen Unterstützung dieser wichtigen Massnahmen aufmerksam zu machen. 

Detlef Kissner, forumKirche, 22.5.21
 

Es könnte sein, dass der Bedarf an Schuldenberatung durch die Corona-Krise zunimmt.
Quelle: © Daniel Kellenberger, Caritas Schweiz
Es könnte sein, dass der Bedarf an Schuldenberatung durch die Corona-Krise zunimmt.

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