Die Geschichte der ersten heiliggesprochenen Frau
Am 1. Mai jährt sich der Todestag der heiligen Wiborada zum 1'100. Mal. Wer war diese Frau, die sich im 10. Jahrhundert in St. Gallen freiwillig einschliessen liess und dennoch weit über ihre Zelle hinaus wirkte ? Darüber spricht Hildegard Aepli, Seelsorgerin der Dompfarrei und Mitarbeiterin im Pastoralamt des Bistums St.Gallen.
Hildegard Aepli, was wissen wir historisch gesichert über Wiborada ?
Historisch gesichert sind sowohl ihr Todestag als auch die Festlegung ihres Gedenktages im Jahr 926 auf den 2. Mai. Wir wissen, dass sie zehn Jahre lang als Inklusin bei der Kirche St. Mangen lebte und dort durch ihr Dasein und ihr Wirken grosse Bedeutung erlangte. Vier Jahre zuvor, also 912, verbrachte sie eine vierjährige Prüfungszeit oberhalb von St. Gallen. Auf der Alp des Klosters gab es damals eine kleine Kapelle namens St. Georgen. Der Abt des Klosters besass dort eine kleine Hütte als Rückzugsort, den er Wiborada und ihren beiden Mägden zur Verfügung stellte. Auch deren Namen sind überliefert: Sie hiessen Kebeni und Bertherad. Die drei Frauen lebten vier Jahre lang dort.
Was für ein Leben führte Wiborada vor ihrer Inklusion ?
Sie führte ein streng geregeltes Leben nach der Ordnung einer Benediktinerin – geprägt vom Stundengebet. Sie sass wahrscheinlich einen grossen Teil des Tages in der Kapelle und betete Psalmen. Nach vier Jahren konnte sie entscheiden, ob sie sich wirklich als Inklusin einschliessen lassen wollte – und sie entschied sich dafür.
Gibt es noch mehr historisch Belegtes ?
Interessanterweise gibt es zwei Lebensbeschreibungen der Wiborada. Die erste Vita entstand etwa 40 Jahre nach ihrem Tod. Nach ihrer Heiligsprechung 1047 durch Papst Clemens II. wurde die Vita überarbeitet und stilistisch an die Zeit angepasst.
Welche Stellung nahm Wiborada im geistigen und gesellschaftlichen Umfeld des Klosters St. Gallen ein ?
Zuerst noch etwas anderes. Es gibt im Stiftsarchiv ein Professbuch der St. Galler Mönche. Wann immer einer ins Kloster eintrat, musste er vor den Altar treten und sich handschriftlich in dieses Buch eintragen. In diesem reinen Männerbuch, das von Gallus bis zum letzten Mönch reicht, hat ein Mönch auch Wiborada eingetragen. Im Professbuch steht : « Wiborada, Inklusin bei St. Mangen, ist von den Heiden ermordet worden am 1. Mai 926. » Das ist ein Beleg dafür, dass sie bekannt war und es dieser Mönch für wichtig erachtete, das Ereignis zu dokumentieren.
Wüssten wir heute sonst vielleicht gar nichts über sie ? Was war nun aber ihre Stellung ?
Über die Jahre wurde Wiborada eine einflussreiche Persönlichkeit, die man aufsuchte. Die Stadtbevölkerung ging bei ihr vorbei, um sich beraten zu lassen. Und aus ihrer Vita wissen wir, dass Fürst Burkhard bei ihr Rat suchte. Den Abt und Mönche beriet sie ebenfalls. Unter anderem sagte sie die Bedrohung der Ungarn voraus. Weil der Abt diese Vision für bedeutsam hielt, liess er ein Jahr vor deren Einfall Evakuierungspläne ausarbeiten. Als die Ungarn kamen, war St. Gallen wie leer gefegt.
Als Inklusin hat sich Wiborada für eine radikale Lebensform entschieden. Weshalb hat sie aus heutiger Sicht noch eine Bedeutung ? Oder ist sie nur eine historische Figur ?
Im Vergleich zu Gallus, Otmar und Vadian kommt Wiborada in der Stadt St. Gallen eine zu geringe Bedeutung zu. Sie reiht sich ein in das Kapitel der vergessenen oder unsichtbar gemachten Frauen, obwohl sie die erste in einem offiziell römischen Verfahren heiliggesprochene Frau der Welt ist. Diese frühmittelalterliche Frau ist die eigentliche Bewahrerin der Stadt. Dank ihr gelangten die ältesten Handschriften auf die Insel Reichenau und wurden so gerettet. Dank ihr ist St. Gallen ein UNESCO‑Weltkulturerbe geworden. Ohne diese Frau wäre die Stadt weniger bedeutend.
Wird Wiborada aus Ihrer Sicht verkannt? Was sagt das über unseren Umgang mit dieser Frau ? Ist es höchste Zeit, ihr mehr Aufmerksamkeit zu schenken ?
An ihr zeigt sich, wie einseitig, ja beinahe einäugig unser Geschichtsbewusstsein ist. Alles fusst auf den Männern und blendet aus, was Wiborada geleistet hat. Das hat auch mit der Reformation zu tun. Damals wurde die Kirche St. Mangen geräumt; zuvor war sie ein blühender Wallfahrtsort. Durch die Inklusinnen verfügte die Stadt St. Gallen über eine sechshundertjährige weibliche Spiritualitätsgeschichte. Von Wiborada an bis zur Reformation gab es durchgehend Inklusinnen. Diese Tradition wurde gewissermassen ausgelöscht. Hier besteht, wie ich finde, ein deutlicher Nachholbedarf in unserem Geschichtsbewusstsein.
Als Frau aus dem zehnten Jahrhundert hat sich Wiborada bewusst den gängigen Lebensentwürfen entzogen. Was macht einen solchen Schritt aus heutiger Sicht bemerkenswert ?
Eine solche Lebensentscheidung ist bemerkenswert, weil es wie ein Ausbruch aus der Normalität war. Als Adelige wäre sie entweder verheiratet worden oder in ein Kloster in Lindau oder Zürich eingetreten. Dort hätte sie unter den Fittichen einer mächtigen Äbtissin gestanden. Aus dieser Perspektive war die Inklusion ein emanzipatorischer Akt. Wiborada entschied sich bewusst für einen eigenen Raum, vergleichbar mit dem, was Virginia Woolf 1928 in ihrem Essay «A Room of One’s Own» formulierte.
Wiborada widmete sich zu 100 Prozent der Spiritualität. Was können wir in unserer kurzlebigen Zeit von ihr lernen ?
Für mich ist das Bemerkenswerteste: Diese Frau war zehn Jahre lang die einzige bekannte Person, die tatsächlich anwesend war. Also da, in ihrer Zelle bei St. Mangen. Und jede und jeder konnte sie ansprechen. Mit grossem Staunen entdecken wir, welche Bedeutung ihr blosses Dasein hatte. Jemand war da, jemand war ansprechbar. Bei dieser Person floss die Welt zusammen.
Erlauben Sie mir eine ketzerische Bemerkung : Das ist doch ein sehr klassisches, weibliches Rollenbild. Die Frauen sind da und dienen. Auch oder gerade den Männern.
So gesehen handelt es sich um eine traditionelle Rollenverteilung. Ein spannender Aspekt. Aber bleiben wir beim Dasein. In der Moses-Geschichte im Alten Testament gibt es eine Stelle, wo Mose Gott fragt : « Wie heisst denn du ? Welches ist dein Name ? » Gott antwortet : « Mein Wesen, mein Name ist, ich bin da. » Für mich ist das eine Einladung, auch für Männer – eigentlich für jeden Menschen –, sich zu überlegen: «Wo bin ich da ? » Du sitzt jetzt da für unser Gespräch, kannst mit den Gedanken aber an einem anderen Ort sein. Dann bist du nicht da. Aber du kannst versuchen, wirklich und aufmerksam da zu sein. Erst dann bist du auch wirklich präsent. Für mich ist das Dasein nicht an einen Ort gebunden, so wie Wiborada es gelebt hat. Dieser Gedanke lässt sich auch in die heutige Zeit übertragen.
Ein schöner Gedanke. Dennoch : Wiborada war eine gefragte Ratgeberin, obschon sie eingeschlossen sehr weltfremd gelebt hat. Wie erklärt sich das ?
Das Spannende ist, dass die Frau zwei Fenster hatte, fast etwas symbolisch für ihr Wirken. Sie hatte ein Fenster in die Kirche St. Mangen. Durch dieses konnte sie am Gottesdienst teilnehmen. Und sie hatte das Fenster zur Welt, durch welches sie von ihren beiden Mägden versorgt wurde und an das auch die Besuchenden kamen. Das ist eine faszinierende Dynamik: ein Fenster nach innen und ein Fenster nach aussen zur Welt. Sie hatte beides zugleich. Ein Fenster nach aussen hatten beispielsweise andere adlige Frauen zur selben Zeit nicht. Diese waren wirklich in ihren Häusern eingeschlossen. Wiborada hatte über das Fenster nach aussen einen direkten Weltbezug, den sonst kaum jemand in diesem Masse hatte.
Seit mehreren Jahren lässt sich immer wieder jemand bei der Kirche St. Mangen für eine Woche einschliessen. Sie haben die Erfahrung als Inklusin selbst gemacht wie etwa 20 weitere Personen. Ist das lediglich ein Abenteuer, oder was löst das aus?
Alle fragen sich zuerst: Wie ist es, wenn man nicht hinausgehen kann? Die grösste Überraschung, nach dem Verschluss der Türe, ist für die allermeisten das Gefühl: « Ich bin frei. » Man hat keine Agenda, der man folgen muss, und entdeckt die Qualität des Daseins. Vor allem entsteht ein Raum der Freiheit. Viele sehnen sich danach immer wieder dahin zurück.
Interview : Ralph Weibel, forumKirche, 16.2.2026
Eingemauert
Leben als Inklusin
Die heilige Wiborada lebte um das Jahr 900 n. Chr. in St. Gallen und war die erste Frau, die von der katholischen Kirche heiliggesprochen wurde. Sie stammte aus einer adeligen Familie in Märstetten und war für ihre Bildung und Frömmigkeit weithin bekannt. Nach dem Tod ihres Bruders Hitto, der Mönch im Kloster St. Gallen war, entschied sie sich für ein asketisches Leben als Inklusin. Eingemauert in einer Zelle nahe der Kirche St. Mangen lebte sie zurückgezogen, betete, beriet Geistliche wie Laien und genoss ein hohes Ansehen.
Nach einer Vision warnte sie das Kloster St. Gallen vor einem Einfall der Ungarn. Daraufhin wurden Teile des Klosterschatzes und Handschriften in Sicherheit gebracht. Wiborada selbst verweigerte die Flucht. Als die Ungarn St. Gallen angriffen, wurde sie in ihrer Zelle getötet und starb den Märtyrertod. Wiborada steht für geistige Stärke, Mut und Unabhängigkeit in einer Zeit, in der Frauen kaum öffentliche Anerkennung erhielten.
Wiborada erleben
Im Jubiläumsjahr der Wiborada lassen sich nacheinander fünf Personen bei der Kirche St. Mangen einschliessen. Den Anfang (1.–8. Mai) macht die Thurgauer Unternehmerin und ehemalige Präsidentin des heutigen Frauenbunds Schweiz Simone Curau-Aepli aus Weinfelden.
Für das Jubiläum hat die Dompfarrei St. Gallen verschiedene Anlässe organisiert. Unter anderem gestaltet die Künstlerin Brigitte Mesmer aus Friedrichshafen unter der Orgelempore der Kathedrale die Installation « A Room of One's Own », also ein «Ein Zimmer für sich allein». Vernissage ist am 22. Februar in der Kathedrale.
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10.03.2026, 12:13