Ein offenes Ohr für Trauernde
Der Waldfriedhof in Schaffhausen erstreckt sich über 17 Hektar, eingebettet in den Rheinhardwald des Quartiers Buchthalen. Wie es ist, auf einem Friedhof zu arbeiten und seine Wunschstelle gefunden zu haben, erzählt Christian Huguenin, stellvertretender Leiter Friedhöfe von Grün Schaffhausen.
Seit wann arbeiten Sie im Waldfriedhof als Gärtner ?
Ich bin im 17. Arbeitsjahr und gehöre langsam zu den Betriebsältesten.
Wie sind Sie zu dieser Stelle gekommen ?
Ich habe als Landschaftsgärtner gearbeitet – mit einer Anlehre. Ich hatte zwar die Lehre angefangen, wurde aber herabgestuft, weil ich mit 14 Jahren in der Schnupperlehre als Zimmermann einen schweren Unfall erlitten hatte : mit Schädelbruch, Hirnquetschungen etc., und im Koma kam noch eine Lungenentzündung dazu.
Da der damalige Arbeitgeber aufgeben wollte und ich eine sichere Stelle benötigte, weil ich jung Vater geworden bin, sah ich verschiedene Stellen bei Grün Schaffhausen ausgeschrieben. Jemand wurde für die Aussenanlagen der Stadtgärtnerei gesucht. Am Vorstellungsgespräch ging es aber nur um einen Obergärtner für den Friedhof. Es war gefühlt das schlechteste Vorstellungsgespräch in meinem Leben. Trotzdem habe ich einen Tag später dem damaligen Abteilungsleiter gesagt, ich hätte Interesse und erhielt die Stelle. Ich habe später die Lehre abgeschlossen und noch die Obergärtnerschule absolviert. Den Abschluss habe ich zwar nicht gemacht, denn während der Abschlussprüfungen war ich in einer privaten Krise. Mir war mein Seelenfrieden wichtiger als die Prüfung. Seit einem halben Jahr habe ich meine Wunschstelle inne.
Was sind Ihre Aufgaben ?
Ich unterstütze die Leiterin Friedhöfe im Tagesprozess und führe das Team mit. Ich sorge dafür, dass die Mitarbeitenden nicht nur arbeiten, sondern dass es ihnen gut geht – damit die Abdankungen laufen und wir jederzeit beisetzen können. Das ist unsere Kernaufgabe. Diese beinhaltet auch Grabpflege und Grabunterhalt. Mein Hauptanteil dazu ist die Grobarbeit. Ich bin der Einzige, der dies macht : neue Gräber ausheben, Grabanlagen erstellen, Reihengräber zurückbauen, Wege planieren.
Tagesprozess bedeutet : dass wir vom Bestattungsamt, das zu einer anderen Abteilung gehört, Aufträge per Mail erhalten, also wann wo eine Abdankung stattfindet. Das wird in den Wochenplan eingetragen. Wir haben drei Mitarbeitende, die sich um die Erdbestattungen und Urnenbeisetzungen kümmern.
Wie war das zu Beginn, auf einem Friedhof zu arbeiten ?
Speziell, aber vertraut, da ich den Friedhof aus der Kindheit kannte. Mein Vater hat alle Gräber mutterseits gepflegt, während ich als kleiner Bub mit dem Trampeltraktor herumgefahren bin – abends, wenn die Friedhofsgärtner weg waren. Denn ich hatte Angst, von ihnen dabei erwischt zu werden.
Zu Beginn hatte ich keine Bestattungen, danach war ich ein paar Jahre für die Abdankungswoche eingeteilt und kam so in Kontakt mit den Trauernden. Da wir zu Hause einen Hobbybauernhof hatten, wo ich das Gebären und Sterben erlebte, hatte ich keine Berührungsängste. Auch wenn nicht darüber geredet wird : Jeder muss gehen. Es gehört dazu. Hier wird dir das noch mehr bewusst. Dadurch, dass ich den Unfall gehabt habe, kann ich damit locker umgehen. Hier kannst du der Menschheit viel zurückgeben. Durch Begegnungen fängst du Leute auf, die beispielsweise ihr Kind verloren haben. Wenn du jemandem über den Weg läufst und ihm aus dem Loch helfen kannst, nur im Dasein – das ist für mich das Schönste am Beruf. Zudem geben mir die Menschen auch etwas zurück.
Gab es in all den Jahren spezielle Vorkommnisse, die Ihnen geblieben sind ?
Das allererste Kind, das ich beigesetzt habe, vergesse ich nie. Es war im Alter meiner eigenen Tochter. Ich selbst war in einer schwierigen Zeit, es war vor Weihnachten. An Kinder denkt man immer wieder. Schön, wenn man den Trauernden wieder begegnet und merkt, dass es in ihnen arbeitet und sie allmählich loslassen können.
Wir versuchen, an Abdankungen unsichtbar zu bleiben. Die Menschen finden aber immer ein offenes Ohr bei uns, allerdings muss der Schritt von ihnen aus stattfinden.
Was für Vorschriften gibt es fürs Bepflanzen der Gräber ? Ich habe letztes Jahr auf einem Grab eine Kürbispflanze entdeckt.
Bei uns ist es grosszügig ausgelegt, wie Angehörige und auch wir die Gräber pflegen. Es gibt folgende Rahmenbedingungen : keine invasiven Neophyten, nicht übermässig und nur biologische Schneckenkörner verwenden. Die Kürbispflanze könnte unter Umständen sogar von uns stammen, da wir Kompost aus Grünabfällen der Gärtnerei verwenden. Wenn es nicht stört, lassen wir eine solche Pflanze auf einem leeren Grab stehen. Mit Jäten hätten wir mehr Arbeit. Zudem dient das der Biodiversität und den Bienen. Es gilt ein Pflanzenschutzmittelverbot auf dem Waldfriedhof. Wir sind biologisch und mit einer möglichst grossen Biodiversität unterwegs. Das kommt gut an. Wir mähen auch spät, was wiederum die Pflanzenvielfalt fördert.
Wie sieht es mit dem Anteil Erdbestattungen gegenüber Urnenbeisetzungen aus ?
Auch wir spüren die Tendenz zur Urnenbeisetzung. Was die Erdbestattungen hochhält, ist ein hoher Anteil an Gräbern der katholischen und muslimischen Glaubensrichtungen. Und natürlich bewahren wir Denkmalfelder, Gräber von früheren Persönlichkeiten. Markus Sieber, der pensionierte Pfarrer, der seit ein paar Jahren Friedhofsführungen macht, kennt sie alle. Es liegt sogar ein ferner Verwandter von King Charles hier.
Haben Sie ein Lieblingsgrab, einen Lieblingsort ?
Es gibt Gräber, die ich nicht vergesse, aber keinen Ort, den ich bewusst mehr pflege als andere. Ich merke mir Namen nicht. So habe ich nachträglich erfahren, dass ich Dieter Wiesmann [Schaffhauser Liedermacher und Komponist der Schaffhauser Hymne « Blos e chlini Stadt » – Anm. d. Red.] beigesetzt habe. Ich lösche Namen von Personen, denen ich hier begegne, aus Schutz aus dem Gedächtnis. Ich finde es pietätlos, wenn ich in der Migros sagen würde : « Grüezi Frau Meyer, wie geht es Ihnen ? »
Wie viele Menschen arbeiten auf dem Friedhof ?
Zurzeit arbeiten neun Personen im Team Friedhof. Es herrscht ein kollegialer Arbeitston, wir begegnen uns auf Augenhöhe. Jeder hat seine Fähigkeiten und sein Betätigungsfeld. Wir haben am Wochenende sogar schon einen anderen Friedhof besucht. Ein Bestatter aus Singen, der bei uns neu arbeitet, hat einen Besuch in Singen ermöglicht. Es war toll, mit anderen Berufskollegen zu sprechen.
Der vor Jahren noch als Geheimtipp gehandelte Waldfriedhof als wichtigster Brutort des Kleinen Leuchtkäfers in der Schweiz ist mittlerweile ein Riesenspektakel geworden. Merken Sie jeweils, wenn wieder Horden auf dem Friedhof gewesen sind ?
Dank eines Meteo-Berichts von SRF haben wir diese Kehrtwende erlebt : Wir wurden überrannt, das Busnetz brach zusammen. Seit zehn Jahren haben wir im Juni Verkehrskadetten hier, einen Rangerdienst, Infotafeln mit Benimmregeln. Trotzdem sind Leute mit Taschenlampen unterwegs. Ich habe Verständnis, wenn ein Kind ein Glühwürmchen zu fangen versucht, aber nicht, wenn die Mutter eines schnappt. Ein Ranger erwischte sogar einmal einen 70 Jahre alten Mann mit einem Fangnetz.
2019 war das Jahr des Glühwürmchens. Ich hörte Radio SRF. Der Moderator sagte, er werde nach dem Abspann erzählen, wo sich die grösste Population der Glühwürmchen befinde. Ich rief an und bat darum, dies zu unterlassen, da der Druck auf die Flächen schon heute sehr gross ist. Der Bericht kam nicht.
Letztes Jahr gab es ein Theaterstück und einen Wortkünstler auf dem Friedhof – und entsprechende Reaktionen, weil das nicht von allen goutiert wurde. Was ist Ihre persönliche Meinung dazu ?
Das Theaterstück fand ich super. Ich war bei der Hauptprobe des Theaters dabei und habe ein paar Tränen verdrückt, da ich in einigen Szenen mich selbst, Mitarbeitende oder Kunden gesehen habe.
Hat sich während Ihrer Zeit hier etwas verändert in Ihrer Haltung zum Tod ?
Nein, der Tod ist kein Tabu, er gehört dazu. Die Arbeitskleidung ist auch wie ein Schutzschild. Wir haben kein Problem, jeden abzuholen. In Situationen, in denen wir jemanden kennen, fällt der Schutzschild allerdings ab, gerade auch, wenn das Bestattungsauto durch das eigene Quartier fährt. Dann brauche ich fünf Minuten zum Durchatmen.
Das Leben meint es gut mit uns. Ob gläubig oder nicht, Gott oder Buddha, positive und negative Kraft – man kann es nennen, wie man will : Gib dem Leben eine Chance. Umwege haben ihr Gutes. Auch wenn man sie zwischendurch nicht versteht. Ich hatte schwierige Zeiten, privat und im Job. Aber jetzt ist es so, wie ich es mir nur wünschen kann.
15.6.2026, Béatrice Eigenmann, forumKirche
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