Ein Afrikaner sagte seinem Gast: „Heute Nacht ist ein Löwe um unsere Hütte geschlichen“. “Weshalb weisst Du das?“, fragte der Gast. „Ich habe seine Spuren gesehen“.
Im Fragen nach Gott sind Menschen wie Spurensucher. Sie erfahren Beglückendes und Belastendes, erleben Kleines und Grosses: Naturerlebnisse, Weltgeschehen und Taten von einzelnen Menschen. Sie erschrecken über kleine und grosse Grausamkeiten auch in Naturereignissen, Weltgeschehen und im Tun von einzelnen Menschen. Sie nehmen sich wahr mit Möglichkeiten und mit Grenzen. In allem, was zum persönlichen und weltweiten Leben gehört, gelangen wir zu Fragen wie: Woher? Warum? Wozu? Wohin?
In dieser Spurensuche liegt ein Ansatz, nach Gott zu fragen. Es ist die Sehnsucht nach einer personalen Antwort auf die Grundfragen des Lebens, die Menschen Gott finden lässt. Er lässt spüren, dass all die Freuden und Leiden, das Mögliche und die Grenzen aufgehoben sind in etwas, das dem Leben Sinn stiftet. Es ist die Gewissheit des Herzens, dass alles gehalten ist, geliebt ist. Die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003) gab einem ihrer Gott-suchenden Aufsätze den Titel „Es muss doch mehr als alles geben“.
Christen glauben: Dieses Mehr ist Gott! Er ist seit jeher und für immer da. Wir sehen ihn nicht, doch wir stossen auf seine Spuren. Wir können ihn mit unserm begrenzten Verstand nie erfassen, denn er ist anders. Er ist Gott, von dem alles ausgeht, was lebt, in dem alles ist und in dem alles sein Ziel hat. So glauben wir.
Der lebendige Gott lässt sich von Menschen finden, die aufmerksam sind für das Lichtvolle und das Dunkle im Leben. Er offenbart sich als das Geheimnis, das hinter allem Guten steht. Er zeigt sich als Erlöser bei Belastendem. Er lässt erkennen, wie wir mit dem Dunklen des Lebens umgehen können.
Für Christen ist auf die Frage, ob es Gott gibt und wie er ist, die Bibel ein wichtiges Hilfmittel. Sie ist Offenbarung des lebendigen, geheimnisvollen Gottes. Mose hat ihn im Namen JAHWE erlebt, das bedeutet „Ich bin der, der ich da sein werde, für euch da sein werde“ (Ex 3,14). In der Botschaft und im Tun Jesu lernen wir Gott kennen als den Liebenden, der Gemeinschaft sucht und schenkt und bei dem jeder Mensch Platz hat, so wie er ist.
Die Bibel ist auch eine grosse Sammlung von Glaubenszeugnissen unserer Vorfahren. Sie erzählt: Menschen haben Gott in ihrem Leben, in ihrer Geschichte erlebt und gespürt. Zusammen mit dem jüdischen Volk glauben wir, dass Gott den Menschen den Weg zum Leben weist und ihnen auch auf Irrwegen nahe ist. Für ihn ist nichts chancenlos. Aus Gottes umfassender Liebe fällt niemand, ausser der Mensch entscheidet sich selber gegen Gott. Menschen leben in frei entschiedener Beziehung zu Gott.
Weil Gott unsere Vorstellungsmöglichkeiten übersteigt, können wir nur in Bildern von ihm reden. Sie sagen immer etwas über Gott, doch nie alles. Christen kennen viele Gottesbilder und Gottesnamen: Licht, Zuflucht, König, Mutter, Hirt, Himmel, Leben, Vater, Stärke, Hoffnung, Mächtiger, Gerechter, Eifersüchtiger, feste Burg, Geheimnisvoller, Leben, … Wie wir Gott nennen, hat mit unsern Erfahrungen mit ihm zu tun, mit seinen Spuren, die wir gefunden haben. Es ist wichtig, immer wieder zu reflektieren, dass wir Bilder von Gott nicht missbrauchen und so tun, als hätten wir ihn ganz verstanden. Es gibt Gott nie so, wie es den roten Ball gibt, den das Kind hält.
„Du sollst dir kein Bild machen“ (Ex 20,4). Diese Weisung besagt, dass nicht wir Gott in einem Bild festmachen, sondern dass er sich uns im Leben offenbart - immer wieder und immer wieder neu.
Otto H. Pesch schreibt: „Auf die Frage: Gibt es Gott? – heisst die Antwort: Wir glauben an den lebendigen Gott. … Es ist sogar eine sehr gute Redeweise zu besagen: Es gibt Gott. Und es ist ein treffendes, den ganzen Glauben zusammenfassendes Gebet, wenn ein Christ Gott anredet und sagt: Wie gut, dass es Dich gibt!“