Karl Rahner (1904 - 1984) hat gesagt: „Die Kirche der Zukunft wird eine mystische Kirche sein, oder sie wird nicht mehr sein.“ Ich wage, die Kirchenprognose des grossen Theologen auf den einzelnen Christen, auf die einzelne Christin anzuwenden: „Der Christ der Zukunft wird ein mystischer Christ sein, oder er wird nicht mehr sein.“
Mystik besagt, dass Menschen sich vom Transzendenten im Innern berühren lassen. Mystische Frauen und Männer gibt es in den verschiedenen Religionen. In der christlichen Tradition sprechen wir von Menschen, die sich von Gott, von Jesus Christus, von Gottes Geistkraft im Herzen, in ihrer Seele berühren lassen. Im Zentrum ihrer Lebensgestaltung steht die Suche nach Gott mit dem Ziel, möglichst so Mensch zu werden, wie Gott es meint.
Daraus wächst die spirituelle Grundhaltung, das Leben als Weg mit Gott zu leben. Nicht alle Christen entdecken für diesen Weg die gleichen spirituellen Schwerpunkte. Im Laufe der christlichen Zeit sind Klöster und Ordensgemeinschaften für Frauen und Männer mit verschiedenen spirituellen Ausrichtungen und Anliegen entstanden. Ein Benediktinerkloster unterscheidet sich spirituell von Klöstern und Gemeinschaften, die sich an der Mystik von Franz von Assisi orientieren. Eine Gemeinschaft von Kartäusern lebt einen andern spirituellen Weg, als die Schwestern und Brüder in Gemeinschaften mit der Spiritualität von Mutter Teresa oder Charles de Foucauld.
Spirituelle Menschen leben aber nicht nur in Klöstern und schliessen sich nicht unbedingt einer christlichen Bewegung an. Für Christen, die alltäglich in den Städten und Dörfern leben, ist es ebenso wichtig, ihren eigenen spirituellen Weg zu finden und ihn zu gehen. Sicher können uns dabei die tiefen religiösen Erfahrungen von Gottverbundenheit anderer oder früherer Christen Orientierungshilfe sein. Dabei geht es nie darum, irgendjemanden kopieren zu wollen. Spirituell zu leben, ist stete Suche nach dem eigenen Glaubensweg, um daraus den Alltag zu gestalten.
Der Lebensweg wird nicht leichter oder gar bequemer mit Gott. Auch zu ihm gehört die Spannung zwischen Nahe- und Fernsein von Gott und Mensch, von Himmel und Erde. Auch er lässt Höhen und Tiefen durchleben. Trotz dem Erleben von Eins-sein mit Gott, mit Jesus Christus, mit Gottes Heiligem Geist haben mystische Frauen und Männer Widersprüchlichkeiten in ihrem Denken, Fühlen und Handeln durchzustehen. Christliche Spiritualität nimmt das dem Einzelnen und den Gemeinschaften nicht übel. Sie weiss: Wir dürfen immer wieder beginnen, unseren ureigenen Weg zu finden.
Manchmal tut es gut, einen spirituellen Ort oder spirituelle Begleitung aufzusuchen. Verschiedene Klöster und Bildungshäuser, z,B, das Bildungshaus Kloster Fischingen, schaffen solch spirituelle Räume. Begegnungen können hilfreich sein, den persönlichen Weg, klarer zu sehen; die eigene Art, mit den Mitmenschen und der Mitwelt umzugehen, besser zu verstehen.
Wo Menschen ihrer spirituellen inneren Dynamik Sorge tragen, kommen sie sicher ihrer Berufung im Leben auf die Spur, sie erkennen, wo und wie Gott sie im Leben braucht.
Von Teresa von Avila (1515 – 1582) stammt der Satz: „Es ist ebenso gut, Gott zuliebe Kartoffeln zu schälen, wie Dome zu bauen.“