‚Wenn es nur einen Gott gibt, warum gibt es dann verschiedene Religionen‘? – so fragte ein Kind
Bis vor nicht allzu langer Zeit konnten die verschiedenen Religionen vorwiegend verschiedenen geografischen Regionen auf dieser Erde zugeordnet werden. Heute ist die Situation ganz anders. Bei uns in Europa teilen wir unser Leben täglich mit Menschen verschiedener Religionen. Das fordert Christen gemeinsam und es fordert uns katholische Christen heraus, uns auf den Kern unserer Religion zu besinnen: Was ist das Zentrum, der tragende Grund, und was hat sich je nach religiöser Kultur im Laufe der Zeit draus und drum herum gebildet?
Nicht nur wir Christen und christlichen Kirchen sind gefragt, uns für die Welt verständlich zu formulieren. Die Angehörigen aller Religionen sind gefragt. Alle sind zum Dialog, zur guten Auseinander-Setzung gerufen.
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 – 1965) hat in seinem ‚Dekret über die nichtchristlichen Religionen‘ zum Verhältnis der römisch katholischen Kirche zu diesen u.a. folgendes geschrieben: ‚Gemäss dem Auftrag der Kirche, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasst sie vor allem das ins Auge, was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt. … Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel menschlichen Daseins. … So sind auch die übrigen in der ganzen Welt verbreiteten Religionen bemüht, der Unruhe des menschlichen Herzens auf verschiedene Weise zu begegnen, indem sie Wege weisen: Lehren und Lebensregeln sowie auch heilige Riten. Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. … Deshalb mahnt sie ihre Söhne und Töchter, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Menschen anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern‘.
Seit rund 50 Jahren finden weltweit immer wieder Zusammenkünfte und Kongresse statt, bei denen Frauen und Männer verschiedener Religionen den Dialog zum gegenseitigen Verständnis einzelner Glaubensinhalte suchen. Da werden Fragen der gemeinsamen Weltverantwortung besprochen und Schritte zum gemeinsamen Tun vorbereitet. Für den interreligiösen Dialog - finde er in grossen Konferenzen, in einer Gruppe an einem Ort oder zwischen zwei Leuten verschiedener Religionszugehörigkeit statt - gilt: ‚Die Partner müssen zugleich ungleich und gleich einander gegenüberstehen. Ungleich, weil jeder seinen eigenen Glauben hat und haben soll, gleich, weil sie sich gegenseitig achten und geschwisterlich ernst nehmen‘. (Bernhard Welte)
Ein grosses Geschenk solcher interreligiöser Gespräche ist es, dass die Teilnehmenden ihren eigenen Ursprung, ihren Glaubensweg besser verstehen lernen. Von anderen Impulsen her fällt Licht auf unser Christ-sein. Von uns her fällt Licht auf ihren Weg, religiös zu leben
- ob sich die christliche Kirche mit Stammes- und Naturreligionen vor allem aus Afrika, Lateinamerika, Australien zum Dialog trifft
- ob die grossen asiatischen Weltreligionen Dialog-Partner sind
- ob der Dialog mit den uns geschichtlich verbundenen monotheistischen Religionen des Judentums und des Islam stattfindet.
Es ist Licht, das Gutes und Wichtiges erhellt. Und es ist Licht, das dunkle Seiten aufscheinen lässt, in der christlichen Tradition und im Leben der andern Religionen.
Einen wichtigen Schritt hat Papst Johannes Paul II gewagt. Er hat im Jahr 1986 Mitglieder aller Religionen eingeladen, miteinander in Assisi zum Gespräch zum Frieden für die Welt zusammen zu kommen, und - vor allem – miteinander, alle von ihrer Religion her, Gott zu loben und ihn um Frieden für diese Erde zu bitten. Seitdem hat dieses interreligiöse Gebetstreffen in Assisi bereits viermal stattgefunden.
Wir können es auch vor Ort tun. Auch im Thurgau geschieht dies bereits an einigen Orten.