"In meiner Kirche glauben wir das so. Wie glaubst du es in deiner Kirche?"
"Wie versteht ihr das in eurer Kirche? In meiner Kirche verstehen wir das so."
Das griechische Wort Ökumene bedeutet "die (ganze) bewohnte Erde". Als Christen verstehen wir darunter, dass wir uns weltweit in aller Verschiedenheit der Glaubenspraxis immer mehr als die eine Gemeinschaft verstehen möchten, die zu Jesus Christus gehört. So weit wie möglich wollen viele Christen heute ihren Glauben gemeinsam bezeugen und daraus handeln. Das gilt für die römisch-katholische wie für die christkatholische und anglikanische Kirche, für die Kirchen, die sich in ihrer Glaubenspraxis auf die Reformatoren Martin Luther, Jean Calvin oder Huldrych Zwingli berufen, und die kirchlichen Gemeinschaften, die aus ihnen hervorgegangen sind, und für die Traditionen der Ostkirchen, der sogenannten orthodoxen Kirchen.
Abbé Paul Couturier (1881 – 1953) verdanken wir es, dass Christen jedes Jahr vom 18. – 25. Januar in der ‚Weltgebetswoche für die Einheit‘ an vielen Orten weltweit zusammenkommen und um Eins-sein im Glauben beten.
Die Zeit drängt, dass wir Christen aller verschiedenen Glaubenstraditionen gemeinsam in Wort und Tat in die Welt hinein sagen, worauf wir unser Leben, unsere Mitverantwortung für die Zukunft der Welt bauen. Gott sei Dank, dass die Zeit vorbei ist, in der sich Kirchen gegenseitig bekämpften und die Würde raubten. "Das Klima hat sich grundlegend geändert. Im Allgemeinen betrachten sich die getrennten Christen als Brüder und Schwestern im Glauben." (Walter Kardinal Kasper)
Sicher wird das Ziel einer geeinten christlichen Kirche nie ein einziger gemeinsamer ‚uniformer‘ Glaubensweg aller Christen sein. Kirche-sein hat seit den Anfängen verschiedene Gemeinde-Formen entwickelt. Das sehen wir bereits im Neuen Testament. Ökumene hat aber kein geringeres Ziel, als das Eins-sein in der Vielfalt oder das Vielfältig-sein in der Einheit. Das will nicht als ein beziehungsloses oder auch hilfreiches Nebeneinander verstanden sein, sondern als überzeugtes Zusammengehören im Glauben, aus der Hoffnung und mit Liebe.
Nie werden alle christlichen Kirchen deshalb am Gebet Jesu vorbei kommen: "Ich bitte nicht nur für diese hier, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben. Alle sollen eins sein … damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast" (Joh 17,20f). Nie werden sie den Glauben der jungen Kirche aufgeben, die bekennt: "Jesus ist der Stein, … der zum Eckstein geworden ist" (Apg 4,11). Sie werden sich immer darauf besinnen, dass Jesus sie beten lehrte: "Unser Vater – unser aller gemeinsamer Vater" (Mt 6,9).
Damit christliche Ökumene wirklich wachsen kann, gilt es immer wieder auf den gemeinsamen Grund zu schauen, der uns trägt und auf den wir bauen. Kern der aktiven Ökumene bleibt unser gemeinsames Sorgetragen zum Geist, zur Spiritualität, die das Tun erfüllt. "Eine ökumenische Spiritualität ist die Suche nach der gemeinsamen Wahrheit des Glaubens" (Kurt Koch).
Der Ökumene als gemeinsamer christlicher Praxis geht es zuerst und zuletzt somit um das Zeugnisgeben für Gott, der auch jetzt da ist und handelt, der mit uns in befreiender Beziehung leben will. So hat er uns durch Jesus seinen Geist ins Herz gelegt, damit wir in diesem Geist dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe füreinander Hände und Füsse geben.
"Keine Kirche ist so arm, dass sie nicht imstande wäre, einen eigenen und spezifischen Beitrag in die grössere Gemeinschaft der Ökumene einzubringen. Keine Kirche ist aber auch so reich, dass sie nicht immer wieder der Bereicherung durch die Charismen anderer Kirchen bedürfte. Ökumenische Spiritualität ist deshalb im Kern ein gegenseitiger Austausch der verschiedenen Gaben, um den Reichtum und die Schönheit des christlichen Glaubens noch deutlicher und glaubwürdiger leben zu können." (Kurt Koch, em. Bischof von Basel, seit 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen)