‚Erziehung ist überflüssig. Die Kinder tun sowieso das, was wir tun‘. – Ob’s einfach so stimmt? Ob ein Stück Wahrheit drin steckt? – Und dann …!

Einen Erziehungsgrundsatz teilen sich die Eltern aller Kulturen und Religionen: Die Kinder sollen lernen, das Gute zu tun und das Böse zu lassen. Was gut und was böse ist, dazu sind bereits verschiedene Überzeugungen zu finden.

Am Schluss der Bergpredigt, dieser vom Evangelisten komponierten ‚Gipfelrede‘ Jesu zur Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe (Mt 5-7), finden wir die sog. ‚Goldene Regel‘. Im Geist Jesu hilft sie, das Mass zu finden zum Unterscheiden zwischen Gut und Bös. Sie kann deshalb auch Eltern zur erzieherischen Grundhaltung werden im Begleiten ihrer Kinder: ‚Alles, was ihr also von andern erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten‘ (Mt 7,12).

Das Gesetz: In der jüdischen Glaubenstradition bedeutet dies für Jesus nicht einfach ein festgelegter Paragraph, sondern: Aus der Erfahrung heraus hat sich dies als hilfreich für das gelingende Leben in Frieden und Gerechtigkeit bewährt - und von Gott her als richtig, als ‚gesetzt‘ erwiesen.

Propheten: Sie sind immer wieder die ‚kritischen Hervorsager‘ dessen, worauf es im konkreten Leben hinzuschauen gilt. Als Mahner und/oder Mutmacher sind sie da, damit die Menschen Gottes Heilsweg nicht verlassen – oder wieder dahin umkehren.

‚Alles, was ihr als von andern erwartet, das tut auch ihnen. Darin besteht das Gesetz und die Propheten‘.

Wenn Eltern aus dieser Goldenen Regel Jesu ihr Zusammenleben in der Familie und als Familie für andere gestalten, wird ihnen bewusst, welche Werte sie den Kindern, den Jugendlichen mit auf den Weg geben möchten – im Beispiel und im Wort. Je grösser die Kinder werden, umso wichtiger wird es, als Eltern mit ihnen aus dem Blickwinkel der Goldenen Regel über die Gestaltung des Lebens zu reden und gemeinsam das richtige Hinschauen, Urteilen und Handeln zu finden.

Für christliche Eltern erschöpft sich die Begleitung der Kinder nie einfach in der Aufgabe, dass diese gute, verantwortliche Menschen werden. Sie wissen und glauben, dass wir Menschen das Leben nicht nur in der eigenen Hand haben. Sie verdanken ihr Leben und das Leben der Kinder Gott. Sie glauben und vertrauen, dass er mit uns ein Ziel hat. Sie vertrauen, dass seine Liebe und Treue viel grösser ist, als wir sie einander je garantieren und versprechen können. Sie glauben: Wir alle sind Gottes Kinder, seine Söhne und Töchter.

Deshalb ist christlichen Eltern für die Kinder ein Wert ganz wichtig: ‚Sie sollen zu Gott, sie sollen zu Jesus Christus, zu Gottes heilendem Geist eine Beziehung aufbauen können. Wir möchten, dass die Kinder Gottes Spuren in ihrem Leben finden können‘.

Auf vielerlei Weise gehen Eltern mit den Kindern auch den religiösen Begleitweg, den Weg zum Glauben und zum Gottvertrauen: im Beten und Singen, im Erzählen und Vorlesen (Selber-lesen) der biblischen Geschichten, im Feiern von täglichen Ritualen und der christlichen Feste, im Mitfeiern von Gottesdiensten und Besuchen von heiligen, guten Orten - in Freud und Leid, mit Danken und Bitten, mit Loben und Klagen.

Ein Christ ist nie Christ für sich allein. Wir sind im Glauben wesentlich auch Gemeinschaft. Deshalb dürfen Eltern in der religiösen Begleitung der Kinder und Jugendlichen auf die Unterstützung der Pfarrei, des Bistums, der Weltkirche zählen. Nie nimmt ihnen die Kirchengemeinschaft die Eltern-Verantwortung ab, aber Hilfe und Ergänzung auf den Weg, mit Gott in das Leben hineinzuwachsen, bietet sie.

Eine Erfahrung

Die vier Kinder sind zwischen 9-16 Jahre alt. Bis heute beginnt der Tag so: Bevor die Kinder zur Schule gehen, setzt sich die Mutter mit den Kindern auf den Boden, zündet die Osterkerze in der Mitte an – und es ist einfach eine Minute Stille. Dann wünschen alle Papa, der immer schon früher weg muss, einen guten Tag, machen einander das Kreuzzeichen auf die Stirn, geben sich die Hand und wünschen einander: B’hüet Di Gott! – Und das seit bald 16 Jahren.